Alzheimer ist der Schrecken vieler Menschen, wenn sie älter werden. Denn die Krankheit wird erst diagnostiziert, wenn sie schon fortgeschritten ist. Die bisherigen Therapien verlangsamen den Krankheitsverlauf zwar, können ihn aber dennoch nicht stoppen.  Doch nun ist der Wissenschaft ein weiterer Schritt in der gezielten Vorhersage von Neuerkrankungen gelun­gen: In Zusammenarbeit mit Patienten, die an erblichem Gedächtnisschwund leiden, deren Krankheits­ver­lauf in der Regel genau vorauszusagen ist, haben Forscher einen Bluttest entwickelt, der das Eintreten der Krankheit bereits 16 Jahre vor den Symptomen ankündigen kann.

Was der Test kann und was nicht

Der Bluttest misst bestimmte Eiweiße im Blut, die beim Absterben von Nervenzellen entstehen. Ist eine Nervenzelle beschädigt, werden diese Neurofilamente frei und gelangen ins Blut. Bei der Vorhersage von Alzheimer ist dabei nicht die Menge dieses sogenannten “Zellschrotts” erheblich, sondern die sprunghafte Art und Weise, in der er ansteigt.

Die Forschung konnte nur durch die weltweite Teilnahme bestimmter Familien erfolgen, die unter einer selten vorkommenden, vererbbaren Alzheimer-Form, leiden. Darunter waren auch 60 Deutsche vertreten. Da sich das Eintreten ihrer Erkrankung genau vorhersagen lässt, konnten die Wissenschaftler nach Veränderungen in ihrem Blut suchen. Daraus zogen sie Schlussfolgerungen auf das Verhalten von Biomarkern in den jeweiligen Jahren vor der Demenz. Überraschend war dabei, dass diese bereits 16 Jahre vor dem eigentlichen Auftreten der Krankheit anzeigende Veränderungen im Blut vornehmen. Bis dato konnte eine Demenz anhand der Veränderungen der Hirnmasse fünf bis zehn Jahre vor dem Auftreten der Symptome vorausgesagt werden.

Herausforderungen der Früherkennung

Doch die Entdeckung stellt erst den Anfang zu einer möglichen offiziellen Unter­suchungsmethode dar. Zuvor muss noch weiter mittels Ausschlussverfahren geforscht werden. Der “Zellschrott” im Blut tritt nämlich auch bei Multiple Sklerose, Nieren­lei­den und verschiedenen Gehirnerkrankungen auf. Es gilt nun herauszufinden, ob es weitere Einflüsse gibt, die ebenfalls eine sprunghafte Veränderung der Neurofilamente hervorrufen können. Es wird wohl noch etwas Zeit vergehen, bis ausreichend getestet wurde, ob der Bluttest bei allen Menschen genau gleich anschlägt, oder etwa nur bei den Familien mit der selten vererbten Alzheimer-Variante. Über die Verwendung dürfte auch noch diskutiert werden, da eine so lange Vorhersage ohne die Aussicht auf eine wirksame Heilung unverantwortliche Folgen für das Leben vieler Betroffener bedeuten könnte.

Behutsamer Umgang mit Demenzpatienten

Ob früh erkannt oder nicht, ein positiver Befund stellt Betroffene und deren Umfeld oftmals vor große Herausforderungen. Vor allem zu Beginn der Erkrankung ist die Diagnose für viele Patienten mit Scham behaftet. Sie schämen sich für zunehmende Vergesslichkeit und wiederkehrenden Orientierungsverlust. Verstärkt wird das Schamgefühl durch mangelndes Verständnis und unsensiblen Umgang im öffentlichen Raum. Um Scham und Unverständnis entgegen zu wirken, hat die Seniorenbetreuung „Home Instead“ die Initiative „Demenz-freundlich“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, vor allem Unternehmen, Organisationen und Gemeinden im Umgang mit Demenzkranken zu schulen, um so die Gesellschaft verstärkt für das Thema Demenz zu sensibilisieren. In kostenlosen Workshops werden die Teilnehmenden über die Erkrankung, Symptome und einen respektvollen Umgang mit Demenzpatienten informiert. Darüber hinaus bietet “Home Instead” Patienten die Möglichkeit, in vertrauter Umgebung betreut zu werden. Neben der Angst vor dem Vergessen quält viele Betroffene die Angst vor einem Auszug aus der gewohnten Umgebung. Oft verbinden sie jahrzehntelange Erinnerungen mit ihrem Wohnort. Vor allem im Frühstadium der Erkrankung ist ein Umzug aber in der Regel nicht notwendig. Mit der Hilfe von speziell geschultem Personal können Demenzpatienten meist noch jahrelang in ihrem eigenen Zuhause zurechtkommen. Auch kleinere Veränderungen wie das Anbringen von Symbolen oder Lichtelementen im Fußboden können zur Orientierung im Eigenheim beitragen. 

Demenz ist nicht gleich Demenz

Neben Alzheimer gibt es noch weitere Formen von Demenz. Über die genauen Unterschiede klärt u.a. die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf. Sie entstand 1989 als Zusammenschluss von Angehörigen Demenzkranker mit Fachleuten und vereint unter sich inzwischen 130 einzelne Mitgliedsgesellschaften. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Demenz und betroffene Familien zu unterstützen und zu beraten.

Laut dem eingetragenen Verein handelt es sich in 60 bis 70 Prozent der Fälle um Alzheimer. Rund 1,5 Millionen Menschen leben mit dieser Form von Demenz in Deutschland. Darüber hinaus gibt es noch weitere Erkrankungsarten, wie die Vaskuläre Demenz oder die Demenz bei Morbus Parkinson. Erstere entsteht aufgrund von Durchblutungsstörungen des Gehirns, letztere als Auswirkung von Parkinson im späten Krankheitsstadium. Die Lewy-Körperchen-Demenz kennzeichnet sich unter anderem dadurch, dass die geistigen Fähigkeiten der Betroffenen innerhalb eines Tages sehr wechselhaft sind, sodass es immer wieder auch zu “hellen Momenten” kommt. 

Übermäßiger Alkoholkonsum über lange Zeit hinweg kann das Korsakow-Syndrom begünstigen, bei dem neue Informationen nur noch sehr schlecht im Gedächtnis hängen bleiben und Betroffene die Lücken mit unwahren Erzählungen füllen. Einen sehr schnellen Krankheitsverlauf hat zudem die Creutzfeldt-Jakob Demenz, welche mit BSE bei Rindern vergleichbar ist, jedoch selten vorkommt. Detaillierte Informationen zu diesen Demenzformen stellt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft auf ihrer Webseite zur Verfügung. Dort befinden sich auch Ratgeber, Tipps und Lektüre für Hilfesuchende rund um das Thema Demenz und Demenz in jungen Jahren. Zu ihrem Service gehören zudem Sprechstunden, eine Beratung sowie ein Alzheimer-Telefon.

Prävention mit Herz

Um Patienten sämtlicher Demenzformen bestmöglich zu unterstützen und deren Gedächtnisleistung zu fördern, gibt es mittlerweile zahlreiche alternative Ansätze und Angebote zur Prävention. Darunter auch das Projekt „Rezepte gegen das Vergessen“ der Alzheimer Gesellschaft München. Das Konzept richtet sich vor allem an Patienten in einem frühen Demenzstadium. Zusammen mit Ehrenamtlichen und einer Sozialpädagogin planen die Betroffenen ein ganzes Menü, gehen einkaufen und kochen gemeinsam. Das macht nicht nur Spaß, sondern fördert auch die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen. 

Einen positiven Einfluss auf die psychosoziale Gesundheit von Demenzpatienten kann auch das Vorlesen von Märchen haben, wie ein weiteres Projekt aus Bayern zeigt. Die Präventionsmaßnahme „Märchen und Demenz“, die es mittlerweile in mehreren bayerischen Pflegeeinrichtungen gibt, fördert die kognitiven Ressourcen von Demenzkranken durch das Vorlesen von klassischen Märchen. Diese oftmals schon als Kind abgespeicherten Erzählungen, öffnen die Tür in das Langzeitgedächtnis der Patienten. Dabei geht es aber nicht nur um die Stärkung des Erinnerungsvermögens, sondern auch um die Aktivierung emotionaler Komponenten, die das Verhalten der Betroffenen langfristig positiv beeinflussen können.