//ADS und ADHS: Eine Herausforderung für Eltern und Kinder
ADS und ADHS: Eine Herausforderung für Eltern und Kinder 2018-01-25T10:47:26+00:00

ADS / ADHS: Eine Herausforderung für Eltern und Kinder

Familie

Man bezeichnet sie als Zappelphilipp und Träumer, Lehrer und Eltern verzweifeln oft an ihren auffälligen Verhaltensweisen. Ihre Besonderheiten sind gefürchtet und stören ihre “normale” Umwelt. Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ohne oder mit Hyperaktivität (ADS/ADHS) ist die häufigste psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen.

Der Unterschied zwischen ADS und ADHS ist das „H“, das für „Hyperaktivität“ steht. ADS beschreibt den Träumer, den Schusseligen, bei dem normale Arbeiten lange dauern, der sich ständig ablenken lässt. ADHS dagegen betrifft ein Kind in ständiger Bewegung, das nicht stillsitzen kann, den Klassenclown, der sich nicht an Regeln halten kann.

InformationZwischen diesen Extremen gibt es Mischformen mit verschiedenen Kombinationen der Symptome und Auffälligkeiten. Mädchen haben häufiger ADS, während Jungen eher mit der Ausprägung ADHS zu kämpfen haben. Nach neusten Erkenntnissen sind zwischen drei und sieben Prozent der Schulkinder von der Störung betroffen, wobei der Anteil der Jungen rund fünfmal größer ist.

Über die Ursachen der Erkrankung kann bisher niemand genaue Angaben machen. Die aktuelle Einschätzung ist die, dass im Gehirn der Informationsaustausch zwischen bestimmten Gehirnbereichen nur unzureichend funktioniert. Im Folgenden wird die Krankheit als ADHS bezeichnet.

Symptome und ihre Ausprägung

UnaufmerksamkeitHyperaktivitätImpulsivität
verlieren oft ihre Sachenkönnen nicht still sitzenkönnen nicht abwarten
erfassen keine Detailszappeln mit Händen und Füßenantworten ohne Überlegung und zu schnell
machen Flüchtigkeitsfehler, haben Probleme bei Anweisungen, bringen Aufgaben nicht zu Endekönnen nicht leise spielenstören in der Schule und im privaten Bereich
hören nicht zustellen sich ungeschickt anverfügen kaum über eine angemessene Frustrationstoleranz
kaum Durchhaltevermögen, sind völlig unorganisiert, ständig abgelenkt und vergesslich

Daraus ergeben sich drei grobe Unterteilungen der Erkrankung:

  1. Der Zappelphilipp: Der Schwerpunkt der Auffälligkeiten liegt bei Hyperaktivität und Impulsivität
  2. Der Hans-guck-in-die-Luft: Der Schwerpunkt findet sich bei der Unaufmerksamkeit 
  3. Der Misch-Typ: Hier ist sowohl die Aufmerksamkeit gestört als auch die Hyperaktivität zu finden

Die Auffälligkeiten der Kinder und Jugendlichen kommen in verschiedensten Kombinationen und Ausprägungen vor. Fest steht aber, dass Kinder mit ADS/ADHS anders sind. Sie stören ständig, ob im Kindergarten, in der Schule oder zu Hause. Sie stellen Eltern, Lehrer und Erzieher vor große Probleme und bereiten in den meisten Fällen sich selbst die größten Schwierigkeiten.

ADHS und ADS – eine lebenslange Aufgabe

Bereits Säuglinge fallen durch langes Schreien und Unruhe auf, auch ständige schlechte Laune und Problem beim Essen, Schlafen und bei der Aufnahme von Körperkontakt sind nicht unüblich.

Als Kleinkinder sind ADHS-Kinder unberechenbar und neigen zu ausgeprägtem Trotzverhalten. Auch haben sie häufig Unfälle.

Das gilt auch für Schulkinder, die vor allem Probleme mit der Einhaltung von Regeln haben, oft eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben und eine soziale Außenseiterposition einnehmen. Aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen im sozialen Umfeld haben viele ADHS-Kinder ein geringes Selbstbewusstsein.

Jugendliche verweigern oft jegliche Leistung, sind aggressiv und stehen ständig in Opposition. Sie konsumieren oft Drogen und Alkohol und werden häufiger kriminell.

Auch Erwachsene leiden noch unter ihrer Krankheit. Sie können schlecht planen und organisieren, sind vergesslich, schusselig und unbeständig. Auch hier findet man überdurchschnittlich oft Jähzorn, Ängste und Depressionen, Konsum von Alkohol und Drogen. ADHS verschwindet nicht einfach und wächst sich auch nicht aus. Doch können die Betroffenen Strategien entwickeln, um mit ihren Schwächen umzugehen.

Der erste Schritt: Die Diagnose

Es ist ausgesprochen schwierig, die Krankheit tatsächlich zu erkennen, vor allem für Laien. Die Grenzen zwischen altersbedingten Auffälligkeiten und dem tatsächlich krankhaften Syndrom sind oft fließend. Nicht jedes energiegeladene und quirlige Kind hat ADHS, und nicht jedes verträumte Mädchen ist von der Krankheit betroffen. Nur erfahrene Kinderärzte oder Kinder- und Jugendpsychiater können in Zusammenarbeit mit Eltern, Lehrern und Erziehern die zutreffende Diagnose stellen und eine angemessene Behandlung beginnen. Diese Diagnose besteht aus mehreren Bestandteilen:

  • Die betroffenen Kinder werden befragt, ebenso die Eltern, Lehrer und Erzieher
  • Mit verschiedenen differenzierten Testverfahren in der Hand von Fachleuten kann eine Aussage gemacht werden
  • Es ist vor allem wichtig, dass andere Störungen oder Fehlverhalten ausgeschlossen werden können

Erst nach der Auswertung all dieser Tests und Untersuchungen kann eine sichere Aussage gemacht werden.

Eine ADHS-Therapie besteht aus vielen Bausteinen

An der bereits erwähnten Petterson-Figur können sich betroffene Eltern vielleicht orientieren. Denn sie spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung von ADHS. Zunächst einmal sei gesagt, dass die Störung nicht heilbar ist. Die Behandlung von ADHS kann nur zum Ziel haben, den betroffenen Kindern und Jugendlichen ein möglichst normales und störungsfreies Leben zu ermöglichen.

All diese Ansätze für eine Therapie müssen koordiniert und dem jeweiligen Kind oder Jugendlichen individuell angepasst werden. Solange ein Kind noch nicht in die Schule geht, sind Elternarbeit und die Aufklärung des Umfeldes die Maßnahmen der Wahl. Eine kognitive Therapie ist in diesem Alter noch nicht möglich. Nur wenn alle Gespräche und Maßnahmen zur Aufklärung keinen Erfolg haben, kann über  Medikamente nachgedacht werden.

Bei Schulkindern und Jugendlichen stehen Aufklärung und Elterntraining im Vordergrund. Bei bereits vorhandenen Schäden kann eine Therapie mit Medikamenten sofort eingesetzt werden. Wenn ein Kind trotz der therapeutischen Maßnahmen immer noch sehr unruhig oder aggressiv ist, so kann auch hier die medikamentöse Therapie hilfreich sein.

Bausteine der Therapie

  • Information der Eltern, Aufklärung und Beratun
  • Das Umfeld in Kindergarten und Schule muss auch mit einbezogen werden, damit eine sinnvolle Zusammenarbeit möglich ist
  • Ein Training, die Schulung der Eltern und eine Familientherapie können helfen, die oft schwierige Situation in der Familie zu entschärfen.
  • Erst im Schulalter sind kognitive Verhaltenstherapien möglich. Mit einer solchen Therapie können die Betroffenen selbst lernen, ihr Verhalten besser einzuschätzen, zu kontrollieren und anzupassen.
  • Therapie mit Medikamenten

Anmerkungen zur Behandlung von ADHS mit Medikamenten

Es ist eine schwierige Entscheidung, ob ein Kind mittels Medikamenten gegen ADHS behandelt werden soll. Wurde und wird auch heute noch Eltern vielfach vorgeworfen, ihre Kinder einfach nur mit der schnellen Tablette „ruhigstellen“ zu wollen, konnte mittlerweile gezeigt werden, dass nicht alle Fälle ausschließlich mit Verhaltens- und Psychotherapie behandelt werden können. Nach genauer Diagnose und Rücksprache mit dem behanldenden Arzt können Medikamente die notwendige Grundlage zur Behandlung bilden.

Nach der Bedarfsdiagnose muss seitens des Arztes eine umfassende Aufklärung über Wirkungsweise und Nebenwirkungen des jeweiligen Medikaments erfolgen. Als gemeinsamer Schnittpunkt derartiger Arzneimittel kann der enthaltene Wirkstoff Methylphenidat herausgestellt werden. Dieser reguliert die Botenstoffe im Gehirn, so dass die Übermittlung von „Nachrichten“ zwischen den Gehirnarealen wieder störungsfrei funktioniert. Kommen Nebenwirkungen bei den meisten Kindern überhaupt nicht oder nur kurz vor, sollten diese dennoch dem Arzt mitgeteilt werden. Zu den typischen Nebenwirkungen zählen

  • Unwohlsein
  • Kopf- und Bauchschmerzen
  • Appetitlosigkeit
  • Einschlafschwierigkeiten

Vor einer unkontrollierten Gabe von Methylphenidat – besonders bei Kindern im Vorschulalter – ist uneingeschränkt abzuraten, wie auch Fachleute warnen. Denn bei Kindern unter sechs Jahren gibt es kaum Erfahrungen. In jedem Fall ist eine umfassende Untersuchung durch den Arzt vor jeglicher medikamentösen Behandlung unverzichtbar, um die Notwendigkeit einer medikamentösen Therapie und deren Dosierung eindeutig abzuklären. Letztlich muss das Ziel einer solchen Therapie stets die Verbesserung der Lebensqualität und die Stabilisierung der seelischen Grundbefindlichkeit des Betroffenen sein.

ADHS ist nach Ansicht der Experten kein Problem falscher Erziehung. ADHS ist eine Funktionsstörung, eine psychische Erkrankung. Kinder mit ADHS sind nicht zwangsläufig dumm. Sie sind durchschnittlich genauso intelligent wie ihre Altersgenossen. Durch ihre Erkrankung sind sie von ihren tatsächlichen Möglichkeiten oft abgeschnitten. ADHS wächst sich nicht aus. Es gibt auch Erwachsene mit ADHS. In vielen Fällen haben sie Strategien gegen ihre Probleme mit sich selbst und ihrer Umwelt entwickelt. Neue Forschungen haben eine genetische Disposition feststellen können, die das Stoffwechselsystem der Botenstoffe im Gehirn negativ beeinflussen könnte.

Doch ergibt nicht nur negative Aspekte der psychischen Störung. Menschen mit ADHS haben zum Ausgleich oft sehr markante Qualitäten und Eigenschaften. Sie fallen durch großen Reichtum an Ideen auf, sind sehr begeisterungsfähig und hilfsbereit. Sie haben verstärkt künstlerische Fähigkeiten und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. In der Literatur und in den Medien gibt es eine Reihe von Beispielen von Kindern mit ADHS, angefangen beim Zappelphilipp aus dem Struwwelpeter, nach dem das Syndrom oft benannt wird. Der Hans-Guck-in-die-Luft ist der Prototyp eines Kindes mit ADS ohne die Hyperaktivität. Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga ist ebenfalls ein treffendes Beispiel. Viele erwähnen in diesem Zusammenhang auch die schwedische Zeichentrickserie Petterson und Findus. Der hyperaktive Kater kann den absolut stoischen Petterson nicht aus der Ruhe bringen.

Verordnet der behandelnde Arzt eine medikamentöse Therapie, werden die Kosten von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) übernommen. Anders ist dies bei Medikamenten, die nicht in Deutschland zugelassen sind. Laut Aussage des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP) kann der Arzt solche zwar im sogenannten Off-Label-Use verschreiben, die Kosten dafür trägt der Patient jedoch selbst. Andere Therapieformen werden ganz unterschiedlich gehandhabt. Liegt ein ärztliches Gutachten vor, so werden logopädische und motorische Therapien, sowie Aggressionstraining bis hin zur Familientherapie gezahlt – Legasthenietherapie und Erziehungsberatung jedoch nicht. Im Rahmen einer psychiatrischen Behandlung kann aber auch das Elterntraining von der GKV übernommen werden.

Verantwortliche Eltern werden sehr gut überlegen, ob sie ihrem Kind Medikamente geben wollen. Begleitend kann sicher einiges getan werden, um die ADHS-Symptome zu lindern. Gesunde Ernährung ohne Süßigkeiten oder Zusatzstoffe in der Nahrung, Massagen und Akupunktur sowie beruhigende Heilpflanzen oder der Schutz vor Reizüberflutungen können hilfreich sein. Gesicherte Erkenntnisse über die Wirkung solcher Maßnahmen gibt es aber nicht.

Bereits 1844 beschrieb Heinrich Hoffmann ADHS-Symptome in seiner Geschichte des Zappelphillipps. Durch die mediale Verbreitung ist ADHS als Diagnose heute in der breiten Öffentlichkeit wesentlich bekannter. Kritiker subsumieren die Symptome jedoch unter dem Spektrum normalen menschlichen Verhaltens und sehen es in Umweltbedingungen und Ansprüchen begründet, wie etwa: abnehmendes Verständnis für kindliches Verhalten, Reizüberflutung und Leistungsdruck, sowie Bewegungsarmut. Ein umfassendes Aufklärungsgespräch und eine ganzheitliche Untersuchung beim Arzt bleiben daher unabdingbar.

Tipps für Eltern

In der Literatur in Zusammenhang mit hyperaktiven Kindern kommen die Erwachsenen gut weg, die mit Gelassenheit, Besonnenheit und zugewandter Ruhe auf die Herausforderungen reagieren. Wenn auch jedes Kind individuell behandelt werden muss und die Eltern auf Bedürfnisse und Verhaltensweisen ihrer Kinder gezielt eingehen müssen, gibt es doch ein paar grundsätzliche Regeln. Sie gelten allgemein für den Umgang mit ADHS-Kindern.

Das sollten Eltern beherzigenErklärung
Struktur, klare Abläufe und RegelnADHS-Kinder haben große Probleme, ihren Tagesablauf zu strukturieren. Eltern sollten ihren Kindern helfen, den Überblick zu behalten und Aufgaben in kleine, überschaubare Teilschritte gliedern. Ein regelmäßiger Tagesablauf ohne viele Überraschungen gibt Sicherheit.
Mut machenEin Kind mit ADHS hat wenig Durchhaltevermögen. Es muss immer wieder ermutigt werden, ein Vorhaben auch bis zum Ende durchzuführen.
Belohnung statt StrafenEs kann von Vorteil sein, ein Belohnungssystem zu etablieren. Gewünschtes Verhalten sollte positiv verstärkt werden. Zeigt das Kind auch nur Ansätze solcher Verhaltensweisen, kann es mit Bonuspunkten belohnt werden.
Wechselbeziehungen erkennenElterliche Reaktionen auf inadäquates Verhalten müssen sofort erfolgen. Vergeht zu viel Zeit, verpufft die Wirkung von Strafen und Belohnungen. Die Förderung positiver Eigenschaften ist wirkungsvoller als die Strafe für negatives Verhalten, das immerhin mit dem Charakter des Kindes nichts zu tun hat. Es ist Auswirkung der Krankheit.
Angemessene Freiheit zulassenEinschränkungen verträgt niemand gut, ein ADHS-Kind noch viel weniger. Es braucht Aktivitäten mit gleichaltrigen, reichlich Sport und Bewegung. So kann sich ein solches Kind austoben, lernt gleichzeitig das Einhalten von Regeln und kann den Stoffwechsel der Botenstoffe im Gehirn stabilisieren.
UnterstützungEltern sollten die Begabungen ihres Kindes erkennen, sie unterstützen und fördern. Mehr als andere Kinder brauchen Kinder mit ADHS Erfolge, die ihr Selbstbewusstsein stabilisieren.
HausaufgabenFür viele Eltern eine Qual. Hier gilt: Ordnung ist extrem wichtig. Ein aufgeräumter Schreibtisch, geordnete Hefte und der Stundenplan als roter Faden sind Voraussetzungen. Bei den Aufgaben sollte man nicht drängeln, nicht ungeduldig werden oder strafen. Die Aufgaben sollten in kleine Teilschritte gegliedert werden, bei der Arbeit immer wieder loben und ermuntern.
Elterliches GleichgewichtEin ADHS-Kind fordert die Eltern permanent. Deshalb gönnen Sie sich Zeit, um die eigene Batterie wieder aufzuladen. Auszeiten und Aktivitäten können helfen. Das Problem ADHS darf nicht den größten Teil der elterlichen Zeit beanspruchen. Wissen ist wichtig: je größer das Wissen über die Krankheit, um so besser können die Probleme bewertet und gelöst werden. Selbsthilfegruppen können hilfreich sein.

(Bitte beachten Sie unsere Hinweise zu medizinischen Inhalten!)