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Kinder mit Zahnspangen – Überversorgung in Deutschland?

Kieferorthopäden und der Bundesrechnungshof haben die Überversorgung von Kindern und Jugendlichen mit Zahnspangen beklagt. In Deutschland tragen etwa zwei Drittel aller Kinder und Jugendlichen Zahnspangen. Laut einiger Kiefer­­ortho­päden sei dies übertrieben und die Behandlungen dauerten oft viel zu lange. Diese Kritik wurde von der Schulmedizin vehement zurückgewiesen. Der Bundesrechnungshof bemängelt die unzureichende Erforschung der Behandlungserfolge und fordert ein objektive Auswertung.

Trägt Deutschland zu viele Zahnspangen?

Ungefähr 1,2 bis 1,7 Millionen Kinder und Jugendliche tragen in Deutschland eine Zahnspange. Den Kieferorthopäden Henning Madsen aus Ludwigshafen beziehungsweise Mannheim und Alexander Spassov aus Rostock zufolge werden zu viele Kinder und Jugendliche behandelt. Die Behandlungen dauern zudem im Schnitt drei Jahre länger als erforderlich. Im internationalen Vergleich sind die Zahlen tatsächlich recht hoch. Die beiden Mediziner kritisieren ihre Kollegen deutschlandweit und behaupten, dass viele Behandlungen unnötig sind oder künstlich in die Länge gezogen werden, was natürlich auch Eltern finanziell belastet. Auch Kinder ohne Probleme beim Kauen würden oft behandelt, was mit einer Warnung vor nicht erwiesenen möglichen zukünftigen Fehlstellungen im Kiefer begründet würde. Madsen und Spassov weisen zudem darauf hin, dass die Behandlungen oft sogar mit medizinischen Risiken verbunden seien. Ihrer Meinung nach sind viele der etwa zwei Millionen Röntgenaufnahmen von Kinderköpfen, die 2014 in Deutschland gemacht wurden, nicht erforderlich.

Kritik scharf zurückgewiesen

Der Landesvorsitzende des Berufsverbandes deutscher Kieferorthopäden, Thomas Miersch, nannte diese Kritik „unsäglich“ und betonte, dass alle Behandlungen ausschließlich auf medizinischen Indikationen gründen. Die Ästhetik sei Nebensache. Seiner Meinung nach haben Fehlstellungen im Kiefer immer Konsequenzen, zum Beispiel für die Kiefergelenke, und müssen daher behandelt werden. Auch die ehemalige Präsidentin der Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Bärbel Kahl-Nieke, wies die Kritik zurück. Sie betonte, dass die von Medizinern und Kassen beschlossenen Richtlinien einer Überversorgung wirksam einen Riegel vorschieben. Sie räumte aber ein, dass es natürlich, wie in jedem Bereich, auch unter den Kieferorthopäden schwarze Schafe gäbe.

Die Vorsitzende des Kassenzahnärztlichen Vereinigung aus Baden-Württemberg, Ute Maier, wies darauf hin, dass es Ermessensspielräume in den geltenden Regelungen gäbe, deren turnusmäßige Überprüfung nicht schaden könne, wozu es aber belastbarer Studien bedürfe. Die Tatsache, dass Deutschland mehr Zahn­spangen­träger als andere Länder hat, führt sie auch auf die Übervorsicht der Eltern, nicht nur von Ärzten, zurück. Ein Kind ohne Zahnspange falle beinahe auf und die Eltern haben dann vielleicht den Eindruck, sich nicht ausreichend um ihre Kinder zu sorgen. Viele Eltern gehen lieber auf Nummer sicher und lassen jede noch so kleine Fehlstellung der Zähne korrigieren. Dafür müssen die Mütter und Väter tief in die Tasche greifen, denn erst ab der kieferorthopädischen Indikationsgruppe (KIG) 3 übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für die Behandlung von Minderjährigen. (jw)

Von |2018-07-27T12:31:23+00:0027. Juli 2018|Gesetzlich, Gesundheit, Vorsorge|