Lipödem – Ursachen, Symptome und Behandlung

Was ist ein Lipödem?
Therapie
Entstehung & Diagnose
Was Sie tun können
Symptome
HĂ€ufige Fragen

Lipödem – Ursachen, Symptome & Therapie

Was ist ein Lipödem?
Entstehung & Diagnose
Symptome
Therapie
Was Sie tun können
HĂ€ufige Fragen

Aktualisierung: 10.07.2020

Hochrechnungen zufolge leiden in Deutsch­land etwa 4 Millionen Frauen an der Erkran­kung Lipödem, die sich durch schwam­mige und verdickte, schwere Beine und auch Arme, Schmerzen und starke HĂ€ma­tomneigung Ă€ußert: etwa jede zehnte Frau ist betroffen. Dadurch dass die Erkran­­kung noch wenig bekannt ist, haben viele Betroffene allerdings keine Diagnose. Auch viele Ärzte (er)kennen die Erkran­kung nicht. So erfolgen Diagnosen hĂ€ufig erst nach Jahrzehnten oder bleiben ganz aus. Statt­dessen hören Lipödem-Betroffene bei Ärzten hĂ€ufig: „Nehmen Sie ab“ oder „Machen Sie mehr Sport.“ Doch was genau ist ein Lipödem? Woran erkenne ich es? Und wie grenze ich es von anderen Er­krankungen ab? Was sind Ursachen, typische Begleiterkran­kungen und hilfreiche Therapien und Strategien, die Linderung bringen oder das Fortschreiten aufhalten können?

Lipödem – Was ist das?

Ein Lipödem ist eine chronische und meist sehr schmerzhafte Störung der Fettverteilung bzw. Fettvermehrung. Üblicherweise sammelt sich zunĂ€chst an den Oberschenkeln und Knien, schließ­lich auch an den Unter­schen­keln und in einigen FĂ€llen an den Armen sowie an anderen Körper­stellen Fett an. Im internationalen Klassi­fizierungs­system (ICD 10) ist das Lipödem unter Stoff­wechsel­­störungen aufgefĂŒhrt.

Die drei Stadien unterscheiden sich in erster Linie durch die Struktur von HautoberflĂ€che und Un­terhaut: von glatt ĂŒber knotig bis ĂŒberhĂ€ngend wulstig, höhere Stadien gehen allerdings auch in den meisten FĂ€llen mit stark vergrĂ¶ĂŸerten UmfĂ€ngen der betroffenen Stellen einher.

Je nach betroffenen Körperstellen werden Lipödem-Erkrankungen auch in mehrere Typen ein­ge­teilt: Da verschiedene Typen­modelle verwendet werden und auch Mischtypen bestehen, werden heute hÀufig die betroffenen Stellen benannt (z.B. Ober­schenkel, Ganzbein, Unterschenkel, Ganz­arm, Oberarm, Unterarm, seltener auch Unterbauch, Nacken, Kinn).

Lipödem – Wie verĂ€ndert sich das Fettgewebe?

Fettgewebsvermehrung und Gewichts­zu­nahme sind hormonell und genetisch bedingt und treten meist plötzlich und hĂ€ufig trotz gleichbleibender ErnĂ€hrung auf. Die Erkran­kung schreitet bei unzu­reichender Behand­lung typischerweise fort; das Gewebe wird zunehmender empfindlicher gegenÂ­ĂŒber Druck­schmerz. Die Vermehrung des Unter­haut­fettgewebes resultiert aus einer Hyper­trophie (Ver­grĂ¶ĂŸerung der Fettzellen) und Hyper­plasie (Vermehrung der Fettzellen). Die GefĂ€ĂŸe, ins­be­son­dere die Kapillare, sind durch­lĂ€ssiger als bei gesunden Menschen. Dadurch gelangt FlĂŒssig­keit leicht ins bean­spruchte Binde- und StĂŒtzgewebe, was auch die verstĂ€rkte Neigung zu HĂ€ma­tomen erklĂ€rt.

Lia Lindmann
Lia LindmannExpertin fĂŒr das Thema Lipödem

Dieser Artikel wurde in Zusam­men­­arbeit mit Lia Lindmann verfasst. Lia Lindmann ist selbst Betroffene und Autorin des Ratgebers “Leichter leben mit Lipödem”, der 2020 erschien.

Was unterscheidet Lipödem-Fett von normalem Fettgewebe?

Fibrosen
Lipödem-Fett enthĂ€lt FlĂŒssigkeit und sogenannte Fibrosen. Das sind krankhafte, knubbelige Vermehrungen von Gewebe im Bereich zwischen den Zellen (extrazellulĂ€re Matrix).

Makrophagen
Die Riesenfresszellen des Immunsystems sind vermehrt im Fett von Lipödem-Patienten zu finden.

Geringe Konzentration von Aromatase
Aromatase ist ein Enzym, das die körper­eigene Östrogenbiosynthese beeinflusst. Durch die geringe Konzen­tration dieses Enzyms kommt es zu einem hormonellen Ungleich­gewicht, welches die Stoff­wechsel­störung aufrecht erhĂ€lt.

Erhöhter Interleukin-8-Wert
Der körpereigene Botenstoff wird bei einem Lipödem vermehrt ausgeschĂŒttet und deutet auf ein chronisches EntzĂŒndungsgeschehen im Körper hin.

Niedriger Adiponectin-Spiegel
Ist der Wert dieses Peptidhormons zu niedrig, deutet das darauf hin, dass der Glucosestoffwechsel beeintrÀchtigt ist.

Proteine & Zytokine
Auch diese Funde weisen auf EntzĂŒndungen im Fettgewebe hin.

Lipödem: Entstehung und Diagnose

Ursache fĂŒr die Entstehung des Lipödems werden in der Genetik vermutet. Weitere Theorien beziehen auch die Folgen von Trauma auf die Epigenetik mit ein, wodurch VerĂ€nderungen der Stammzellfunktionen und des Zellstoffwechsels hervorgerufen werden könnten. Typisch ist ein Beginn oder eine Verschlechterung des Lipödems in Phasen hormoneller Umstellung. HĂ€ufig treten Lipödeme in folgenden Zu­sammenhĂ€ngen auf:

  • wĂ€hrend der PubertĂ€t

  • zu Beginn oder nach Absetzen einer hormonellen Therapie oder VerhĂŒtungsmethode

  • nach einer Schwangerschaft

  • in den Wechseljahren

  • in Phasen hoher Stressbelastungen (mit erhöhtem Cortisolwert)

Diagnose Lipödem: Welcher Arzt kann helfen?

Die Diagnose erfolgt hĂ€ufig durch geschulte HausĂ€rzte, die fĂŒr die Erkrankung sen­si­bilisiert wurden oder Spezialisten wie GefĂ€ĂŸÂ­chirurgen, Phlebologen, Dermatologen und Angiologen sowie Ärzte mit Weiter­bildungen in Lymphologie. Es erfolgt zunĂ€chst eine Anamnese, bei der die Patientin ihre Be­schwerden darlegt und wĂ€hrend der auch mögliche FĂ€lle in der Familien­geschichte erfragt werden.

Weitere Schritte in der Diagnose sind Inspek­tion und Palpation (Begutachten durch Ansehen und Tasten). In einigen FÀllen werden auch bild­gebende Verfahren, wie beispiels­weise Ultraschall eingesetzt. HÀufig entwickeln Betroffene auf der Suche nach Er­klÀrungen auch selbst den Verdacht, ein Lipödem zu haben. Wenn sie nicht sicher sind, ob ihr Arzt sich mit der Er­krankung auskennt, nehmen sie hÀufig einen Arztbrief, ein erklÀrendes Buch oder eine aus­sagekrÀftige Kurz­information mit in die Praxis. Alternativ suchen sie einen explizit empfohlenen Spezialisten auf.

Hier herunterladen: Checkliste – Lipödem erkennen – PDF (282 KB)

Symptome bei Lipödem: So Ă€ußert sich die Erkrankung

Betroffene leiden meist zunĂ€chst unter Druck- und BerĂŒhrungsschmerzen, im Laufe der Erkrankung dann auch unter chronischen Schmer­zen. Es liegt dann eine Allodynie vor: eine Schmerzsensitivierung, bei der auch Reize, die bei gesunden Menschen keine Reaktion hervor­rufen, bei Betroffenen Schmerz auslösen. So empfinden Lipödem-Patienten beispielsweise das Überein­ander­schlagen der Beine, das SpĂŒÂ­ren eines Strumpfgummis am Unterschenkel oder eine zĂ€rtliche BerĂŒhrung des Partners als unangenehm und schmerzhaft.

Dadurch hat die Erkrankung, je nach AusprÀ­gung, auch massive Auswirkungen auf das soziale und das Berufsleben der Betrof­fenen sowie deren Beziehungen. Viele Betroffene berichten, dass sie Schmerzen beim Knien und Hocken haben und dass sie bedauern, nicht mit ihren Kindern auf dem Boden spielen zu können oder diese ohne Schmerzen auf den Schoß zu nehmen. Schwerstbetroffene sind oft nicht mehr arbeitsfĂ€hig und benötigen Rollator oder Rollstuhl zur UnterstĂŒtzung bei der Fort­bewegung. Andere Betroffene werden auch aufgrund des hohen Beingewichts und der eingeschrĂ€nkten MobilitĂ€t bettlĂ€gerig. Lipödem ist fĂŒr viele Betroffene in allen Stadien auch psychisch sehr belastend.

Begleiterscheinungen vom Lipödem

  • SchilddrĂŒsenunterfunktion

  • Hashimoto

  • Östrogendominanz

  • Progesteronmangel

  • Regelschmerzen

  • Polyzystische Ovarien (BlĂ€schenbildung an den Eierstöcken)

  • Kontaktdermatitis in den Hautfalten

  • Depression & Dysthymie

  • Angsterkrankungen

Lipödem-Betroffene machen immer wieder durch Fotoaktionen auf ihre Erkrankung aufmerksam. Anderen Be­troffenen möchten sie dabei zeigen: Wir haben trotz der Erkrankung unser Lachen nicht verloren. Auf diesem Bild sieht man von links eine Betroffene mit Stadium 2, Stadium 3, Stadium 1. Die UmfÀnge sind dabei nicht das wichtigste Kriterium: vielmehr sind die VerhÀrtungen der Haut entscheidend. Fotografin: Carina Gorny

Auch VenenschwĂ€chen, Krampfadern, Erisypele und sekundĂ€re Lymphödeme können entstehen oder kommen gleichzeitig vor. Als Folge der Schwere des Lipödemfetts und der Disproportion des Körpers sind auch orthopĂ€dische Erkrankungen (Störung des Gangbildes, Achsenfehlstellungen, RĂŒcken-, Nacken-, HĂŒft- und KnieĂŒberlastungen) hĂ€ufig. Aus diesen GrĂŒnden ist es auch wichtig, dass außer den HausĂ€rzten und Phlebologen auch Endokrinologen, GynĂ€kologen, Dermatologen, Psychologen, Schmerztherapeuten und OrthopĂ€den die Erkrankung erkennen können und sinnvolle Therapien initiieren können.

Lipödem oder Lymphödem: Was ist der Unterschied?

Vom Lipödem wird das Lymphödem abge­grenzt. Bei diesem ist das Lymphsystem chronisch ĂŒberlastet oder beschĂ€digt und kann Lymph­flĂŒssigkeit nicht mehr genĂŒgend abtransportieren.

  • Tritt symmetrisch auf linker und rechter Körperseite auf
  • HĂ€nde und FĂŒĂŸe sind typischerweise nicht betroffen
  • Kann auch unsymmetrisch auftreten
  • HĂ€nde und FĂŒĂŸe sind betroffen
Lipödem Lymphödem
Tritt symmetrisch auf linker und rechter Körperseite auf Kann auch unsymmetrisch auftreten
HĂ€nde und FĂŒĂŸe sind typischerweise nicht betroffen HĂ€nde und FĂŒĂŸe sind betroffen

Ein sekundÀres Lymphödem kann aus einem Lipödem entstehen, da die zunehmende Fibrosenbildung den Lymphfluss erschwert. Liegen Lymphödem und Lipödem gleichzeitig vor, spricht man vom Lipolymphödem. Auch Lipödem und Adipositas können gleichzeitig auftreten (in ca. 50-70 Prozent der FÀlle).

TIPP: Stemmer’sches Zeichen
Wenn das Abheben der Haut auf dem zweiten und dritten Zeh möglich ist, liegt kein (zusÀtzliches) Lymphödem vor.

Lipödem behandeln – Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Das Fortschreiten der Erkrankung ist bisher nicht fĂŒr einzelne Betroffene vorhersehbar. UnerlĂ€sslich sind daher ein möglichst gutes Krankheitsmanagement und eine bedarfs­gerechte medizinische Versorgung, um das Fortschreiten frĂŒhzeitig einzudĂ€mmen.

Die VerhĂ€rtungen des Fett­gewebes (Fibrosen) sind der amerikanischen Endokrinologin und Lipödem-Forscherin Professorin Dr. Karen Herbst zufolge der Grund, warum das Lipödem­fett nicht durch DiĂ€ten, Sport oder Magen­band­operationen verschwindet. Ihren Erkennt­nissen nach ist es zentral, die EntzĂŒndungen des Gewebes zu behandeln, da die EntzĂŒndungen die Ver­hĂ€rtungen hervorrufen. Auf Ultraschall­bildern wird klar, dass das ĂŒber­schĂŒssige Fett nicht nur im Ă€ußeren Bereich des Körpers sitzt, sondern auch innerhalb des Muskel­gewebes.

Beim Lipödem werden konservative und operative Verfahren unterschieden, teilweise auch fÀlschlich als Alternativen zu einander ange­sehen. Ziel der Therapien ist die Besse­rung der Beschwerden, das Aufhalten des Fortschreitens der Erkrankung sowie die Verhin­de­rung von Folgeerkrankungen. Konser­vative und operative Therapie sollten einander sinnvoll ergÀnzen und individuell verordnet und kombi­niert werden.

Konservative Therapie

Bei der konservativen Therapie (kombinierte physikalische Entstauungstherapie) kommen verschiedene Therapiemaßnahmen parallel zum Einsatz:

Zu Beginn der Therapie steht oft eine Entstauungstherapie in einer Lympho­logischen Fachklinik. Dort werden Lymphdrainagen, Banda­genwicklungen und Bewegungsprogramme angeboten. Im Anschluss folgt die Anpassung einer passenden Flachstrickver­sorgung. Die Auf­enthalte in Fachkliniken werden meist im 2-Jahres-Turnus wiederholt.

KompressionsstĂŒmpfe, -strumpfhosen und Armversorgung werden in der Regel in FlachstrickausfĂŒhrung angefertigt. Meist wird hierzu mindestens eine Kompres­sionsklasse II gewĂ€hlt. Durch den Druck auf das Gewebe werden die GefĂ€ĂŸe kom­primiert: Es tritt weniger Lymphe ins Gewebe und sie wird besser abtrans­portiert.

Durch die Manuelle Lymphdrainage, welche 1-2 Mal wöchentlich durch­gefĂŒhrt wird, erhöht sich die Pump­leistung des Lymphsystems. Viele Patientinnen berichten von Reduktion von Schwere und Schmerz nach der Lymph­drainage sowie einen Gewinn von Mobi­litĂ€t. Einer nicht-reprĂ€senta­tiven Umfrage zufolge, berichten 80 Prozent der Be­troffenen, dass ihnen die Lymph­drainage fĂŒr einige Tage Ent­lastung bietet und bessere Selbst­fĂŒrsorge und Bewegung er­möglicht, fĂŒr 20 Prozent ist dies nicht der Fall.

Apparative Intermittierende Kompression kann zusĂ€tzlich zur Lymphdrainage ver­schrieben werden und zwischen den Sitzungen zum Ein­satz kommen. Hierbei werden mit­hilfe von Man­schetten und Luft­polstern die Glied­maßen um­schlossen und mit wechselndem Druck behandelt.

Auch verschreiben Ärzte Rehasport und Krankengymnastik, die den Betroffenen hilft, in Bewegung zu bleiben. Ins­be­sondere sind hier alle Formen von Aqua-Sport (Wasser-Gymnastik, Aqua­fitness, Aqua-Cyc­ling, Schwimmen) empfehlens­wert.

  • Sie ist nicht-invasiv
  • Sie wird benötigt, um das Gewebe zu entstauen, zu entlasten und dem Körper Halt und wiederkehrend Erleichterung zu geben
  • Sie kann in Kombination mit sehr umfangreichem Krankheitsmanagement in einigen FĂ€llen einen annehmbaren Zustand erzielen eine Verschlimmerung der Erkrankung verlangsamen
  • Sie ist auch notwendig, um auf Operationen vorzubereiten und nach Operationen weiterhin fĂŒr eine Eingrenzung der Erkrankung zu sorgen.
  • Sie ist in den meisten FĂ€llen nicht ausreichend, um Verschlimmerung zu verhindern oder dauerhafte Besserung zu gewĂ€hrleisten
  • Die Betroffenen sind oft durch Schmerzen weiterhin stark eingeschrĂ€nkt, nehmen Schmerzmedikamente dauerhaft ein oder sind ohne Kompression nicht mobil
  • Sie ist in Kombination mit hĂ€uslichem Krankheitsmanagement sehr zeitaufwendig und hĂ€ufig ĂŒberfordernd, was bei den Betroffenen oft zu dauerhaftem Stress- und Versagenserleben – und damit einer cortisollastigen HormonausschĂŒttung – fĂŒhrt, was sich negativ verstĂ€rkend auf den Stoffwechsel und die GefĂ€ĂŸgesundheit auswirkt.

Operative Therapie

Bei der operativen Therapie, der Liposuktion bei Lipödem, handelt es sich nicht, wie oft fÀlschlich angenommen, um eine Schönheits­operation, sondern um eine Entfernung erkrankten, schmerzenden Gewebes, deren Ziel es ist, MobilitÀt zu erhöhen und ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern oder zu verlangsamen. Es gibt derzeit zwei besonders gÀngige Verfahren: Die TLA (Tumeszenz-LokalanÀs­thesie) und WAL (Wasserstrahlassistierte-Liposuktion).

Bei der TLA werden große Mengen (2-10 Liter) einer Lösung ins Gewebe injiziert, die das Gewebe betĂ€ubt und GefĂ€ĂŸe zusammen­zieht, sodass diese wĂ€hrend der Liposuktion (Absaugung durch KanĂŒle) nicht beschĂ€digt werden.

Bei der WAL wird meist durch Vollnarkose betĂ€ubt, ein AnĂ€sthesist beobachtet die Vitalzeichen. Mit (vibrierender) KanĂŒle wird krankhaftes Fettgewebe entfernt (meist 3-5 Liter pro Operation). In den meisten FĂ€llen sind bei Lipödem vier oder mehr Operationen nötig. Sie können die Oberschenkelinnen- und -außenseiten oder Vorder- und RĂŒckseite, die Unterschenkel sowie die (Ober-)Arme betreffen. In schweren FĂ€llen oder bei Verschlimmerung der Erkrankung mĂŒssen diese Operationen auch wiederholt oder auf weitere Körperregionen ausgedehnt werden.

  • In vielen FĂ€llen deutliche Reduktion von Schmerz und Schwellungen fĂŒr lange ZeitrĂ€ume oder dauerhaft
  • Teilweise oder vollstĂ€ndige Befreiung von Manueller Lymphdrainage und Kompressionstherapie
  • Vermeidung oder Reduktion des Risikos fĂŒr orthopĂ€dische, hormonelle, dermatologische und psychische FolgeschĂ€den
  • Verbesserung des Stoffwechsels und des Hormonhaushalts
  • Risiko einer Krankheitsverschiebung an anderen Körperstellen, möglicherweise nicht dauerhaft wirksam
  • Risiko möglicher Komplikationen wie Infektionen, Wundrose sowie das geringe Risiko einer BeschĂ€digung des Lymphsystems

Studienlage zur Lipödembehandlung

Es gibt derzeit wenige unabhĂ€ngige Studien zur Wirksamkeit von Liposuktionen bei Lip­ödem, wenngleich es zahlreiche Betroffe­nen­berichte gibt. Die vorliegenden Untersuch­ungen weisen allerdings auf „ausgeprĂ€gte Verbesserungen von Spontan­schmerz, Druckschmerz, Ödem und HĂ€matomneigung“ hin. Die Verbesserungen bleiben mehrheitlich ĂŒber Jahre bestehen.  Operationen sind besonders aussichts­reich, wenn die Patientin einen guten Gesundheits­zustand hat und die konservative Therapie zuvor konsequent durchfĂŒhrt. Bei schweren Erkrankungen der Organe, Allergien gegen AnĂ€sthetika oder vorliegender Schwanger­schaft ist eine Operation nicht empfehlens­wert. Die Patientin sollte sich grĂŒndlich informieren und auf die Operation vorbereiten. Die Erwartung einer Ă€sthetischen Verbesserung sollte nicht zu groß sein.

KostenĂŒbernahme Lipödem: Was zahlt die Krankenkasse?

Krankenkassen sollten bei Lipödem die Konservative Therapie ĂŒbernehmen. Wichtig ist dabei, dass genĂŒgend Kompressions­versorgung zur Ver­fĂŒgung gestellt wird. Im All­gemeinen be­nötigen Patientinnen pro Halb­jahr StrĂŒmpfe und Co. in zweifacher AusfĂŒhrung – bei UmfangsĂ€nderungen auch mehr. Die Lymph­drainage sollte wie vom Arzt verordnet ĂŒbernommen werden. Medizinisch sinnvoll sind in den meisten FĂ€llen 1-3 Lymphdrainage-Termine pro Woche von jeweils 50 Minuten. Eine Unterbrechung der Lymph­drainage wegen fehlender KostenÂ­ĂŒbernahme ist kontraproduktiv, da alle Maß­nahmen konse­quent angewendet werden mĂŒssen. Wenn bei einer Betroffenen entsprech­ende GrĂŒnde vorliegen, wie beispiels­weise Benötigung von mehr Lymph­drainage, kein Zugang zu Manueller Lymph­drainage (MLD), sollte auch ein GerĂ€t zur Apparativen Intermittierenden Kompression ĂŒbernommen werden.

Derzeit erhalten Patientinnen erst im Stadium 3 KostenĂŒbernahme fĂŒr Liposuktionen bei Lipödem. Eine der Auflagen ist allerdings dass der BMI nicht höher als 35 liegen darf. Bei einer Erkrankung, die durch Fettvermehrung charakterisiert ist, die im Laufe der unbehandelten Jahre stetig fortschreitet, ist diese Vorgabe fĂŒr die meisten Betroffenen im Stadium 3 nicht erfĂŒllbar. KostenĂŒbernahme muss – bei medizinischer Indikation – fĂŒr alle Stadien erfolgen. Derzeit ist die Situation fĂŒr Betroffene belastend. Einige mĂŒssen sogar um ein zweites Paar Kompressionsstrumpfhosen kĂ€mpfen.

Bei zusÀtzlich vorliegender Adipositas sind auch ErnÀhrungs­beratung, ErnÀhrungs­therapie, Bewegungstherapie in Absprache mit der Betroffenen anzubieten.

Auch eine multimodale Schmerztherapie kann fĂŒr Betroffene hel­fen, mit der Erkrankung und ihren Folgen umzugehen. Lip­ödem-Betroffene werden allerdings derzeit nur selten in Schmerzam­bulanzen vorstellig. Auch Ope­ra­tio­nen sollten bei vorliegender Indika­tion fĂŒr alle Krankheitsstadien von der Kranken­kasse ĂŒber­nommen werden, um auch Folgeerkrankungen, hohen Belastungs­druck und damit verbundene hohe Folgekosten zu vermeiden.

Video: Lipödem – Konservative Therapie oder Operation?

Quelle: “Lipödem – wer zahlt die Fettabsaugung?”| rbbPraxis

Krankheitsmanagement bei Lipödem

Patientinnen können in hohem Maße zu einem Gelingen der Therapien beitragen, indem sie ihrer Gesundheit in vielen Berei­chen des Lebens einen hohen Stellen­wert beimessen. Die Gesundheitsmaßnahmen, die dabei von Betroffenen hĂ€ufig eingehalten werden, ĂŒber­steigen oft die durchschnittliche Gesundheits­vorsorge in der Bevölkerung. Bei einigen Betroffenen tritt allerdings – insbesondere wenn gleichzeitig Depressionen vorliegen – auch Resignation ein.

BerufstĂ€tige Betroffene sollten durch flexible Arbeitsmodelle, Anerkennung der chronischen Erkrankung durch den Arbeit­geber, angemessene Pausen- und Urlaubs­regelungen sowie An­rechnung von regel­mĂ€ĂŸigen Gesundheits­maßnahmen (bspw. Lymphdrainage) auf das Arbeits­zeit­konto in ihrem Berufs­leben unterstĂŒtzt werden. In vielen Lebens­bereichen ist es typisch fĂŒr Lipödem-Betroffene, viel fĂŒr andere zu leisten, um den scheinbaren „Makel“, den sie mit sich tragen, durch FĂŒr­sorge oder Aufopferung auszugleichen.

Eine maßvolle, jedoch nicht kasteiende ErnĂ€hrung mit langen Pausen zwischen den Mahlzeiten und sparsamem Einsatz von weißmehl- und zuckerhaltigen Lebensmitteln ist empfehlenswert. Bei Betroffenen mit gelindertem Krank­heits­verlauf ist eine sehr nĂ€hr­stoff­reiche ErnĂ€hrung mit vielen BlattgemĂŒsen, GemĂŒse­sorten, Sprossen, Kernen und Samen als vorteilhaft hervor­getreten. Sowohl pflanzen­basierte Kost, als auch ketogene ErnĂ€hrung (sehr starke Begrenzung von Kohlenhydraten, sehr fett- und gemĂŒsebezogen) zeigen in Studien Vorteile fĂŒr Lipödem-Betroffene, jeweils unter Verzicht auf industriell ver­arbeitete Produkte. Nahrungs­mittel und Nahrungs­ergĂ€nzungs­mittel sind insbesondere dann hilfreich, wenn sie sich auch mildernd auf EntzĂŒndungs­prozesse im Körper auswirken.

RegelmĂ€ĂŸige, moderate Bewegungsformen, die dem eigenen Belastungsniveau angepasst werden, sind empfehlenswert. Hervorzuheben sind Sportarten, die im Wasser durchgefĂŒhrt werden und Bewegungsformen, bei denen das KörpergefĂŒhl gefördert wird. Überforderung ist, ebenso wie Unterforderung, zu vermeiden.

Viele Betroffene optimieren die Bereiche ErnĂ€hrung und Bewegung, erlauben sich aber keine Zeit fĂŒr echte Entspannung. Das Anwenden von Entspannungs­methoden und das aktive Zulassen von Entspannung ist allerdings eine wichtige SĂ€ule der Therapie und der Balance der körpereigenen Hormone und Botenstoffe.

Bei der Haut von Lipödem-Patientinnen gilt es, Verletzungen und StĂ¶ĂŸe zu vermeiden, um die Lymphlast der betroffenen Körperbereiche gering zu halten. Die Haut benötigt, auch aufgrund des Tragens von Kompression, Feuchtigkeit und RĂŒckfettung. Dies kann durch Duschöle, Körperöle und Cremes, beispielsweise mit Urea, erreicht werden. WĂ€rmende Cremes sollten an den betroffenen Stellen nicht verwendet werden. Insbesondere bei Hitze weiten sich die GefĂ€ĂŸe, was fĂŒr Betroffene hĂ€ufig mit besonders intensiven Schmerzen und Schwellungen einhergeht.

KĂŒhlende Gele können leichte Schmerzen lindern. Gel und Salben mit CBD Öl oder mit der Arzneipflanze Stechender MĂ€usedorn (bspw. Ruscovarin Venen-Gel) mildern EntzĂŒndungen und regen die Pumpleistung des Lymphsystems an. Ohnehin sollte die Haut, besonders im Sommer, mithilfe von KĂŒhlpads und feuchten TĂŒchern kĂŒhl gehalten werden.

Wenn Betroffene merken, dass sie sich hĂ€ufig Sorgen machen, dass der Umgang mit Schmerz und Diskriminierung, mit UnverstĂ€ndnis und fehlender medizinischer Versorgung fĂŒr sie sehr belastend ist, sollten sie erwĂ€gen, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Untersuchungen zur LebensqualitĂ€t bei Lipödem im Bereich der Psychologie weisen darauf hin, dass Therapieformen, die die FĂ€higkeit von Betroffenen zu Selbstwirksamkeit und Selbstakzeptanz fördern sowie die FĂ€higkeit tiefgehende soziale Bindungen aufzubauen und aufrecht zu erhalten, sich positiv auf LebensqualitĂ€t und Lebenszufriedenheit auswirken.

Medikamente und NahrungsergÀnzungsmittel

Lipödem-Betroffene leiden hĂ€ufig auch an weiteren Erkrankungen. Vor der Einnahme von Medikamenten sollte jedoch geprĂŒft werden, ob diese die Ödem­neigung fördern und ob es gleichwertige Alter­na­tiven gibt. Dies gilt insbesondere fĂŒr Schmerz­mittel, Anti-Depres­siva, Herz­medikamente und hormo­nelle Ver­hĂŒtungs­methoden. Der Einsatz von Diuretika ist bei Lipödem kein geeignetes Mittel zur Ent­wĂ€sse­rung. Zur Schmerz­lin­derung empfehlen sich Gele mit Ketopro­fen. Andere entzĂŒndungs­hemmende Schmerz­­­mittel (NSAR) sind bei Lipödem aufgrund ihrer Tendenz, Schwellungen zu verstĂ€rken, nicht fĂŒr den regel­mĂ€ĂŸigen Gebrauch geeignet.

Neuesten placebokontrollierten, doppelblinden Studien (Dr. Anna Theresa Lipp, Klinikum rechts der Isar) zufolge sind Kombinationen verschiedener NahrungsergĂ€nzungsmittel bei Lipödem wirksam. Kurkumin und Steinklee werden von vielen Betroffenen bereits seit Jahren verwendet. Sie zeigen in ihrer 90-tĂ€gigen ErnĂ€hrungsstudie sehr positive EinflĂŒsse auf Umfangs- und Schmerzminderung bei Probanden. In amerikanischen Studien wird die Bedeutung von Selen und Vitamin D hĂ€ufig hervorgehoben. CBD Öl und medizinisches THC werden von Betroffenen und Ärzten (auch bei vielen anderen entzĂŒndlichen Erkrankungen) als Ă€ußerst schmerzlindernd und langfristig entzĂŒndungshemmend beschrieben. PrĂ€parate mit diesen Wirkstoffen sollten also ebenfalls verschrieben und Kosten von den Krankenkassen ĂŒbernommen werden.

Forschungs- und Fortbildungsbedarf

Umfangreiche Studien zum Lipödem werden benötigt. Hierzu gehören unter anderem Hormonstudien, Stammzellstudien und Studien der Neuropathologie. Es ist außerdem ausgesprochen wichtig, zeitnah Allgemein­mediziner, GynĂ€kologen und OrthopĂ€den fortzubilden, um fĂŒr Betroffene schnellere, genauere Diagnosen und einen frĂŒhen Behandlungsbeginn zu ermöglichen.

FAQ – die hĂ€ufigsten Fragen zum Lipödem

Bei einem Lipödem handelt es sich um eine chronische Fettverteilungsstörung, die auch eine krankhafte Vermehrung von Fettzellen einschließt. Besonders an den ExtremitĂ€ten, wie Oberschenkel  und Arme, kann es zu einer Zunahme des Fettgewebes kommen. BerĂŒhrungsschmerzen, GefĂŒhle von Schwere, knotenartige Verdickungen und Dellen in der Haut (sogenannte “Matratzenhaut”) können die Folge sein.

Erfahren Sie mehr ĂŒber die Krankheit Lipödem.

Lipödeme können von geschulten HausĂ€rzten oder Spezialisten wie GefĂ€ĂŸÂ­chirurgen, Phlebologen, Dermatologen und Angiologen diagnostiziert werden.

Lesen Sie mehr ĂŒber die Entstehung und Diagnose von Lipödem

Alle nötigen Maßnahmen der konservativen Therapie, wie die Versorgung mit KompressionsstrĂŒmpfen oder Laymphdrainage sollten von der Krankenkasse bezahlt werden. Seit 2019 werden zudem unter bestimmten UmstĂ€nden die Kosten fĂŒr eine Liposuktion (Fettabsaugung) im Stadium 3 ĂŒbernommen. FĂŒr Betroffene und Mediziner reicht diese Regelung aber noch nicht weit genug. Sie fordern, dass viel mehr Patienten den Eingriff von der Krankenkasse erstattet bekommen sollten.

Erfahren Sie mehr ĂŒber die KostenĂŒbernahme der Krankenkassen bei Lipödem.

Eine Liposuktion, als das operative Entfernen des erkrankten Gewebes, kostet in Deutschland zwischen 2000 und 5000 €. Die Preisspanne ergibt sich aus der Umfang der Behandlung und der angewendeten Methode. Seit Ende 2019 kann die Liposuktion beim Lipödem ab Stadium 3 unter bestimmten Voraus­setz­ungen von den Kranken­kassen bezahlt werden. Übernimmt die Krankenkasse die Kosten nicht, mĂŒssen die Patienten fĂŒr die Kosten selbst aufkommen.

Lesen Sie mehr ĂŒber die KostenĂŒbernahme der Krankenkassen bei Lipödem.

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Unsere Autor*innen
Kauffrau im Gesundheitswesen bei der

Jana ist ausgebildete Kauffrau im Gesundheitswesen. Seit vielen Jahren recherchiert sie spannende Fakten fĂŒr die Krankenkassen-Zentrale. Aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung im Gesundheitswesen, verfasst sie vor allem Artikel zu den Themen der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. ErgĂ€nzend durchleuchtet sie regelmĂ€ĂŸig die Themen Fitness, Abnehmen und gesunde ErnĂ€hrung.

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