Studie: Wie konnte Israel Corona so schnell überwinden?

Israel setzte bei der Bekämpfung der Corona Epidemie neben den bekannten Hygiene- und Abstandsregelungen auf strenge Quarantänemaßnahmen und vor allem auf eine schnelle Durchimpfung der Bevölkerung. Diese Strategie erwies sich als erfolgreich: Ein Großteil der Erwachsenen über 16 Jahre ist mittlerweile geimpft, die Wirksamkeit des Impfens hat sich bestätigt, schwerwiegende Krankheitsverläufe gingen drastisch zurück, und die lang ersehnte „Rückkehr zur Normalität” scheint bald Realität zu werden. 

Wie das gelungen ist und welche wichtigen Erkenntnisse sich aus der israelischen Impfstrategie ziehen lassen lesen Sie im folgenden Beitrag.

Wie ist Israel bei der Organisation der Corona-Impfung vorgegangen
Welche Studien gibt es zu den Effekten der israelischen Impfstrategie
Mit welchen Impfstoffen wurde in Israel geimpft und welche Nebenwirkungen sind bisher aufgetreten
Was lässt sich aus den israelischen Erfahrungen mit der Corona Pandemie ableiten

Aktualisierung: 01.06.2021

Corona Pandemiebekämpfung in Israel: Das Wichtigste im Überblick

  • Israel war stark von der Corona Pandemie betroffen, die gesamte Infektionsrate ist mit 9,7 Prozent etwa so hoch wie in den USA oder in Schweden.
  • Das Land besorgte frühzeitig ausreichende Impfstoffmengen.
  • Die Bevölkerung wurde gut über die Möglichkeiten, sich impfen zu lassen, informiert.
  • Der Zugang zur Impfung war einfach.
  • Vor allem für den Impfstoff von Biontech und Pfizer liegen durch israelische Studien sehr viele Daten vor, die eine gute Wirksamkeit mit einen hohen Impfschutz bestätigen.
  • Die Corona Impfkampagnen zeigten Erfolg: Stand 21.05.21 weist Israel eine vergleichsweise sehr niedrige 7-Tage-Inzidenz von 2,7 auf.

Wie ist Israel bei der Organisation der Corona-Impfung vorgegangen?

Israel hat sehr früh auf eine rasche Durchimpfung der Bevölkerung gesetzt. Die frühzeitige und sehr aktiv betriebene Beschaffung von Corona Impfstoffen spielte dabei eine wichtige Rolle: Schon Ende Dezember 2020 war Israel in der Lage, mit dem Impfen besonders vulnerabler Bevölkerungsgruppen zu beginnen. Zunächst wurden Personen über 60 und medizinisches Personal geimpft, schon bald war die Impfung aber auch für alle anderen über 16 verfügbar.

Von Anfang an sorgten unterschiedliche Akteure aus dem Gesundheitsbereich, aus der Verwaltung und der Armee für einen reibungslosen Ablauf der COVID-19-Impfung. Vorhandener Impfstoff konnte in dem kleinen Land schnell und unkompliziert verteilt werden, medizinisches Personal legte Extraschichten ein, um allen Interessierten eine rasche Impfmöglichkeit zu bieten. Der hohe Technisierungsgrad und das gute öffentliche Gesundheitssystem trugen ebenfalls einen wesentlichen Teil zum Impferfolg bei. So konnten etwa dank ausreichender Kühlmöglichkeiten große Mengen des temperatursensitiven mRNA-Impfstoffes von Pfizer und Biontech landesweit zur Verfügung gestellt werden, ohne an Wirksamkeit einzubüßen.

Von Vorteil war auch die direkte Einbindung der Krankenkassen in das Impfprogramm: Daten zur Impfung und zu Infektionen standen dadurch schnell zur Verfügung und es konnten Vergleiche zwischen Geimpften und Ungeimpften gezogen werden. Die ausgezeichnete Datenlage macht Israel damit zu einem interessanten Land für Studien rund um das Thema COVID-19-Impfung und Infektion mit SARS-CoV-2.

Das nützte auch der Impfstoffhersteller Biontech, der eine Übermittlung der Impfdaten bei der Impfstoffbestellung mit dem israelischen Gesundheitsministerium vereinbart hatte. Biontech konnte viele neue Erkenntnisse zur Wirksamkeit seines mRNA Vakzins „Comirnaty” aus den Daten der israelischen Krankenkassen gewinnen. Dank dieser Daten ließen sich nicht nur die Ergebnisse aus den klinischen Studien, sondern auch die Notwendigkeit der Verabreichung einer zweiten Dosis („Booster”) für einen effektiven Impfschutz bestätigen. Internationale und israelische Studien untersuchen derzeit etwa die Wahrscheinlichkeit einer asymptomatischen Infektion bei Geimpften.

Mit welchen Impfstoffen wurde in Israel geimpft?

Bei der Beschaffung von Impfstoffen ging Israel einen ähnlichen Weg wie Europa und die USA: Es wurde vorrangig auf Vakzine gesetzt, die auf dem Einsatz von mRNA oder viralen Vektoren – und damit auf neuen Technologien – basieren. Zum Zeitpunkt der Bestellung waren das die Impfstoffe von Moderna, Biontech und Pfizer und AstraZeneca, die Stand 21.05.21 auch in Europa am häufigsten zum Einsatz kommen.

Welche Nebenwirkungen sind bisher aufgetreten?

Zu den häufigen Nebenwirkungen, die in Israel nach der Impfung mit einem der zugelassenen COVID-19-Impfstoffe auftraten, zählten unter anderem:

  • Kopfschmerzen und Fieber,
  • Gliederschmerzen,
  • Abgeschlagenheit,
  • Schmerzen an der Einstichstelle.

Sie ähneln somit jenen, die auch in allen anderen Ländern, in denen die Vakzine eingesetzt werden, auftreten.

Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nur in sehr wenigen Fällen auf. Einige möglicherweise auf die Impfung zurückzuführende Nebenwirkungen stehen derzeit unter Beobachtung. Große mediale Aufmerksamkeit erhielten vor allem einige Fälle von Herzmuskelentzündungen, die vor allem bei jungen Männern auftraten. Die Fälle standen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung von Biontech und Pfizer. Ob es auch einen kausalen Zusammenhang gibt, ist aber noch nicht geklärt. Laufende israelische Studien untersuchen auch eventuelle Nebenwirkungen.

Wie viel Prozent der Bevölkerung sind geimpft?

Mit Stand 15. Mai 2021 sind in Israel annähernd 62 Prozent der Bevölkerung komplett durchgeimpft, eine erste Impfdosis haben 59 Prozent erhalten. Es lässt sich bereits jetzt sagen, dass mit der Höhe der Anzahl der Geimpften die Wahrscheinlichkeit, eine Infektion zu erleiden, zurückgeht.

Welche Studien gibt es zu den Effekten der israelischen Impfstrategie?

Der Erfolg der Impfstrategie lässt sich anhand einiger israelischer Studien, die in letzter Zeit publiziert wurden, nachverfolgen. Besonders aufschlussreich ist eine Beobachtungsstudie, die Anfang Mai 2021 in der renommierten medizinischen Fachzeitschrfit „Lancet” veröffentlicht wurde. (Quelle: Lancet. 2021 15-21 May; 397(10287): 1819–1829. Published online 2021 May 5. doi: 10.1016/S0140-6736(21)00947-8: Impact and effectiveness of mRNA BNT162b2 vaccine against SARS-CoV-2 infections and COVID-19 cases, hospitalisations, and deaths following a nationwide vaccination campaign in Israel: an observational study using national surveillance data.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8099315/

Die Studienautor*innen der israelischen Studie kommen zu dem Ergebnis, dass zwei Dosen des Impfstoffes zu einem sehr effektiven Schutz vor symptomatischer oder asymptomatischer Infektion mit SARS-CoV-2, vor Hospitalisierung, Tod und einer schweren Covid-Erkrankung in allen Altersgruppen führen. Der Impfschutz ist auch bei der als gefährlich eingestuften britischen Variante B.1.1.7 von SARS-CoV-2 gegeben. In der Gruppe der Untersuchten befanden sich Geimpfte zwischen ≥16 und ≥85 Jahren. Die Inzidenz von SARS-CoV-2 sank deutlich und anhaltend mit dem Ansteigen der Durchimpfungsrate. Diese Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass eine hohe Durchimpfung der Bevölkerung dabei hilft, die Pandemie unter Kontrolle zu halten.

Auch die Notwendigkeit einer zweiten Dosis lässt sich aus den bisher ausgewerteten Daten der israelischen Studie ablesen. Da über die Dauer der Schutzwirkung der Erstdosis aus den klinischen Studien noch nicht viel bekannt ist, sind diese Daten, die die Wirkung unter realen Bedingungen abbilden, besonders interessant. Hier zeigte sich etwa, dass der Schutz vor einer Infektion zwischen 7 und 14 Tagen nach der ersten Dosis etwa 58 Prozent beträgt. Personen, die eine zweite Dosis erhalten haben, sind sogar zu mehr als 95 Prozent vor Infektion, Hospitaliseruung oder Tod durch COVID-19 geschützt.

Eine andere, im April 2021 publizierte israelische Studie beschäftigt sich mit der Wirksamkeit des Impfstoffes von Biontech und Pfizer gegen die als besonders besorgniserregend eingestufte südafrikanische Variante B.1.351 von SARS-CoV-2. In dieser israelischen Studie zeigte sich eine etwas weniger gute Schutzwirkung des Vakzins von Biontech und Pfizer, Comirnaty, gegen diese Variante. Allerdings ist B.1.351 in Israel nicht besonders stark verbreitet. Es fanden sich daher nur relativ wenige Geimpfte, die trotz Impfschutz erkrankten. Der Krankheitsverlauf dieser wenigen Infizierten wurde nicht verfolgt. Statistisch relevante Aussagen zur Reduktion von schweren Verläufen bei Infektion mit der Variante B.1.351 lassen sich somit nicht machen. Expert*innen gehen nach wie vor von einer hohen Schutzwirkung durch Comirnaty auch bei den sogenannten Variants of Concern (VOCs) aus.

Israelische Studien: Konnte Israel mittels Impfung zum „Leben vor Corona” zurückkehren?

Auch in Israel ist die Coronavirus-Pandemie noch nicht besiegt. Um eine ausreichend hohe Immunität zu erzielen, müssten nach epidemiologischen Schätzungen etwa 75 bis 80 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sein. Selbst Israel mit seiner hohen Durchimpfungsrate hat diesen Wert jedoch noch nicht erreicht. Dass die Infektionen langsam zurückgehen, lässt sich aber aus mehreren israelischen Studien ablesen. Aus den erwähnten israelischen Studien lässt sich auch ableiten, dass Geimpfte auch außerhalb der klinischen Überprüfung der Impfung sehr gut gegen Infektionen geschützt sind.

Die derzeitige Inzidenz lässt immerhin viele Öffnungsschritte zu, die in anderen Ländern noch nicht möglich sind. So sind in Israel etwa Restaurantbesuche trotz Corona wieder möglich, Konzerte und Sportveranstaltungen können stattfinden, Schwimmbäder, Fitnesscenter, Kinos und Theater wurden wieder geöffnet. Möglich ist das durch den sogenannten „grünen Pass”, mit dem Geimpften, Genesenen und negativ Getesteten Zutrittsmöglichkeiten zu kulturellen Einrichtungen, Hotels, Restaurants und Freizeitstätten gewährt werden. Das bedeutet jedenfalls einen großen Schritt in Richtung Normalität, wenn es auch bis zum gewohnten Leben vor der Coronakrise noch einiger Bemühungen bedarf.

Was lässt sich aus den israelischen Erfahrungen mit der Corona Pandemie ableiten?

Israelische Studien haben die Wirksamkeit der Vakzine unter realen Bedingungen bestätigt und lassen eine genaue Nachverfolgung besonders des Impfstoffs von Biontech und Pfizer zu. Unterschiede zwischen Geimpften und Ungeimpften im Hinblick auf Infektionen werden dadurch besonders deutlich.

Die Erfahrungen mit der Corona Impfkampagne und ihrer Umsetzung in Israel zeigen vor allem, dass die Ausbreitung von Infektionen durch ein rasches und konsequentes Durchimpfen der Bevölkerung gut eingeschränkt werden kann und damit viele Freiheiten wieder möglich werden, die ohne sinnvolle Impfstrategie zum Scheitern verurteilt sind. Es ist jedoch noch unklar, wie lange der Impfschutz der aktuellen Corona Impfstoffe anhält. Daher lautet die Herausforderung für die nahe Zukunft, die Bevölkerung an die Notwendigkeit der zweiten Dosis für die meisten Corona Impfstoffe sowie an zu einem späteren Zeitpunkt vermutlich notwendige Auffrischungsimpfungen zu erinnern.