Nach Dieselskandal und Fahrverbot entflammt zurzeit eine neue Debatte rund um die geltenden Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerte. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer will das Thema nun in den EU- Verkehrsministerrat einbringen und die Umsetzung der Grenzwerte kritisch hinterfragen. Ein Tempolimit auf Autobahnen hält er hingegen für Gängelei.

Keine wissenschaftliche Begründung für Grenzwerte?

Unter Kritik geraten waren vor allem die wissenschaftlichen Begründungen für die derzeitigen Grenzwerte. Angebliche Ungenauigkeiten in der methodischen Vorgehensweise bei der Datenerhebung, unterschiedliche Grenzwerte innerhalb der EU sowie die Manipulation von Messdaten, sorgten für Unmut.

Ausgelöst wurde die aktuelle Debatte durch Aussagen des ehemaligen Präsidenten des Verbandes der Lungenärzte, Prof. Dr. Dieter Köhler. In verschiedenen Talk-Shows äußert Köhler derzeit scharfe Kritik gegen die Dramatisierung bestehender Gesundheitsgefahren durch Feinstaub. Er beziffert die derzeitigen Grenzwerte als völlig übertrieben und spricht in Bezug auf Fahrverbote von einer Unverhältnismäßigkeit. Köhler vertritt die Meinung, dass Forscher enorme Schwierigkeiten hätten nachzuweisen, dass Feinstaub & Stickoxide überhaupt toxisch, also gefährlich seien. Mehr als 100 internationale Lungenfachärzte stellten daraufhin die geltenden Feinstaub und Stickoxidgrenzwerte in Frage und lösten damit eine Flut an Schlagzeilen aus. Die Datengrundlagen für die derzeitige Belastungsgrenze von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft, bleiben also weiterhin unklar.

Thorax-Mediziner erforschen nicht Ursachen von Erkrankungen

Viele der Unterzeichner sind zwar Spezialisten für die Behandlung von Atemwegserkrankungen, aber keine Fachleute für die Erforschung von deren Ursachen. Schon in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich Epidemiologen – also Wissenschaftler, welche Zusammenhänge erforschen – in diversen Studien mit der Problematik der schadstoffbelasteten Luft. Die Langzeitstudie ESCAPE, durchgeführt an über 360.000 europäischen Teilnehmern aus über 22 Ländern, untersuchte fast 15 Jahre lang die Schadstoffbelastung der Probanden. Gemeinsam mit Biostatistikern wurden mögliche Störfaktoren (Risikofaktoren, die ebenfalls Einfluss auf die Belastung der Atemwege haben können, wie Rauchen) herausgerechnet. Die Ergebnisse sollen, zusammen mit Experimenten in Dieselkammern, das Ursache-Wirkung-Prinzip von Luftschadstoffen, besonders Feinstaub, längst belegt haben.

Bundesverband der Lungenfachärzte widerspricht

Auch der Bundesverband der Lungenärzte stellt in einer Pressemitteilung klar, dass Stickoxide eindeutige Indikatoren für eine Belastung der Atemluft durch Autoabgase seien. Mehr noch, stehen sie stellvertretend für weitere Belastungen wie beispielsweise durch Lärm. Damit möchte der Ärzteverband einer Verengung der Debatte auf Stickoxide und Dieselfahrzeuge entgegenwirken und aufzeigen, dass die Thematik ganzheitlicher betrachtet werden sollte. Vergleichsgrößen wie beispielsweise Alltagsbelastungen durch Kerzen, Kaminfeuer oder Tabakkonsum, stellen dagegen keine Grundlage für eine ernsthafte Diskussion über die gesundheitlichen Auswirkungen von Luftverschmutzung dar.

Stickoxidbelastung nicht mit Infektion vergleichbar

Es gehe um mehr, als um eine banale Betrachtung der Dosis- Wirkungsbeziehung. Risikogruppen, wie Kranke, Kinder und Schwangere müssen geschützt und gesundheitliche Gefahren, auch bei lebenslanger Belastung, vermieden werden.
Mediziner mahnen an, dass die Folgen durch Luftschadstoffe nicht vergleichbar mit Krankheiten seien, die einen klar identifizierbaren Auslöser haben. Sie stellen jedoch eine zusätzliche Belastung der Gesundheit dar, deren Auswirkungen erst später sichtbar werden können. So könne ein an Asthma Erkrankter damit rechnen, dass eine Krankheitsverschlechterung eintreten werde.

Krankheitsfolgen durch Luftschadstoffe nur grob schätzbar

Die aktuell sehr kontrovers geführte Debatte stößt eine Diskussion an, die nicht nur auf fachlicher, sondern auch auf politischer Ebene für Zündstoff sorgt. Der Bundes­verband mahnt an, dass eine Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftschad­stoffen, bereits bestehende Bemühungen zur Minimierung von Luftverschmutzung gefährden könne. Auch wenn Wissenschaftler zugeben, dass sich unsere Atemluft insgesamt verbessert hat, liegt die Krankheitslast durch Luftverschmutzung in Deutschland an zehnter Stelle der Risikofaktoren. Damit stellt sie den wichtigsten umweltbezogenen Risikofaktor dar. (kt)