Wie Pharmaunternehmen bei frei verkäuflichen Medizinprodukten tricksen

Ihre Milliardenumsätze verdankt die Pharmabranche zu großen Teilen frei verkäuflichen Medizinprodukten, die sowohl in Apotheken als auch in Drogeriemärkten zu finden sind. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf Erkältungsmittel auf Kräuterbasis, sondern deklariert auch nachweislich wirksame Medikamente als Medizinprodukte ohne Beratungsbedarf. Der ZDF-Dokumentation „Die Tricks der Gesundheitsbranche“ zufolge generieren die Pharmaunternehmen damit Umsätze in Milliardenhöhe – und wälzen das damit verbundene gesundheitliche Risiko auf ihre Kunden ab.

Wirksame Medikamente im freien Verkauf

Ob Kopfschmerztablette, Antibiotikum oder Antiallergikum: Medikamente, deren medizinische Wirksamkeit nachgewiesen und in einem aufwändigen Zulassungsverfahren bewiesen worden ist, sind in der Regel in der Apotheke, genauer in den Bereichen hinter den Kassen und im Lager zu finden. Mit einem Trick ist es einigen Herstellern nun aber gelungen, praktisch dieselben Medikamente als frei verkäuflich zu deklarieren. Dreh- und Angelpunkt ist die Definition von Medizinprodukten nach dem Medizinprodukte-Gesetz, welches laut PflegeWiki für die Sicherheit der Produkte, die Gesundheit und den Schutz der Patienten sorgt.

Statt in ein langwieriges und teures Zulassungsverfahren für neue Produktvarianten oder Nachfolgeprodukte zu investieren, setzen einige Pharmaunternehmen alles daran zu beweisen, dass ihr Medikament keine nachweisbare pharmakologische Wirksamkeit besitzt. Sobald der Nachweis erbracht ist, dass neue Mittel lediglich physikalisch oder chemisch wirken, gelten sie als Medizinprodukte. Sie benötigen damit kein Zulassungsverfahren sondern lediglich ein günstiges TÜV-Siegel. Wirksame Medikamente können der Dokumentation zufolge auf diese Weise in den freien Verkauf gebracht werden – deutlich günstiger, frei für alle Interessenten erhältlich und mit erheblich höheren Gewinnmargen als das eigentliche Medikament.

Bekannte Marken unter neuem Namen

Dieses Prinzip machen sich u.a. einige bekannte Marken wie Rennie und Lefax zunutze. Diese Marken sind bislang nur in Apotheken im Sichtwahlbereich direkt hinter den Kassen erhältlich, da eine Fachkraft die Anwendung erklären und auf mögliche Nebenwirkungen hinweisen muss. Um ihre Umsätze zu steigern, haben die produzierenden Unternehmen ähnlich klingende Produkte auf den Markt gebracht, die sie als Medizinprodukte deklarieren.

Sie nutzen die über Jahre oder gar Jahrzehnte aufgebaute Bekanntheit und das Renommee ihrer Marken, um mit frei verkäuflichen Nachfolgeprodukten hohe Umsätze zu generieren. Das Problem: Die Wirkstoffe sind dieselben wie in den getesteten Medikamenten oder liegen sogar in höherer Dosierung vor. Eine Fachberatung bzw. kurze Einweisung wäre damit zumindest sehr empfehlenswert, um Überdosierungen, unerwünschte Nebeneffekte und Einnahmefehler zu vermeiden. Eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse ist in der Regel nicht möglich, jedoch gibt es einige Ausnahmen bei den verordnungsfähigen Medizinprodukten (PDF).

Risiko liegt beim Kunden

Kunden profitieren auf den ersten Blick von diesen Tricks der Pharmabranche. Sie erhalten mittlerweile auch in Drogeriemärkten wirksame Medikamente ohne Zuzahlung zu deutlich günstigeren Preisen als in der Apotheke und ohne Nachfragen eines Apothekers. Das gesundheitliche Risiko übernehmen sie damit allerdings auch: Wer nicht auf die richtige Einnahme eines Medikaments hingewiesen wird, kann Einnahmefehler begehen, die sich womöglich negativ auf die Gesundheit auswirken können. Darüber hinaus ist es möglich, dass ernsthafte Erkrankungen damit unentdeckt bleiben.

Dann zum Beispiel, wenn anhaltende Verdauungsschwierigkeiten mit vermeintlich harmlosen, frei verkäuflichen Medikamenten kuriert werden und keine pharmakologische Fachkraft nach dem dritten Kauf in kurzer Zeit nach den Ursachen forscht und mit Nachdruck auf einen Arzt verweist. Ebenso wird das Risiko von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten häufig nicht erkannt – dabei ist das Problem der Polymedikation, insbesondere bei älteren Menschen, längst bekannt. Erfahrene Apotheker leisten hier mit ihrer fachlichen Beratung eine Aufgabe zugunsten von Patienten und deren Gesundheit, die noch nicht genügend Anerkennung findet.

2017-06-06T10:55:12+00:00 29. Mai 2017|Allgemein|