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Unnötige OP’s an Patienten: Krankenhäuser in der Umsatzfalle

Krankenhäuser sind heute nicht mehr nur der Heilung von Krankheiten verpflichtet. Sie müssen sich auch der Konkurrenz stellen und wirtschaftlich tragbare Unternehmen sein. Der Optimierungs- und Kostendruck (Radiobeitrag NDR 1, Welle Nord) steigt jedes Jahr und so kann es dazu kommen, dass Ärzte ihren Patienten Operationen vorschlagen, die nur bedingt oder gar nicht nötig sind – nur um Geld zu verdienen. Eine Umfrage an zahlreichen deutschen Krankenhäusern ergab nun erschreckender­weise, dass diese Praktiken keine Ausnahme sind.

Umsatz wichtiger als Patientenwohl

Im Grunde sollte die Gesundheit der Patienten immer an erster Stelle stehen. Diesem Grundsatz ist jeder Arzt verpflichtet. Leider geraten die ehrenwerten Grundsätze des hippokratischen Eides und der Genfer Deklaration des Weltärztebundes heutzutage immer mal wieder in den Hintergrund, wenn wirtschaftliche Interessen für Kranken­häuser mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Im Rahmen einer Studie des Socium Forschungsinstitutes an der Universität Bremen wurden in zwölf Bundesländern 60 Ärzte und Direktoren von Krankenhäusern anonym befragt. Die 250 Seiten lange unabhängige Foschungsarbeit fördert erschreckende Ergebnisse zu Tage: Scheinbar herrscht bundesweit in den Krankenhäusern ein so enormer Druck, dass betriebs­wirtschaftliche Argumente in vielen Fällen über das Wohlergehen der Patienten gestellt werden. Der Umsatz wird zum Hauptargument für Entscheidungen der Ärzte.

Kostendruck bestimmt medizinische Behandlung

Die Forscher der Universität Bremen haben durch ihre Befragungen und Studien herausgefunden, dass die allermeisten Ärzte dem Kostendruck nachgeben und oftmals die betriebswirtschaftliche Komponente stark in Entscheidungen über Aufnahme, Behandlung und Entlassung von einzelnen Patienten (Rahmenvertrag, PDF) einfließen lassen. Viele Mediziner gaben zu, dass sie ohne wirtschaftlichen Druck andere Entscheidungen treffen würden. Sie schlagen ihren Patienten vermehrt gewinnbringende Behandlungen vor, statt günstige Alternativen zu erwähnen.

Oftmals werden Patienten, ohne dass dies notwendig wäre, stationär aufgenommen. Hinzu kommt, dass Patienten unter Umständen weiter finanziell belastet werden. Wer bei einem Krankenhausaufenthalt ein Einzelzimmer oder Chefarztbehandlung bevorzugt, sollte bereits im Vorfeld privat vorgesorgt haben. Nur wer eine stationäre Krankenzusatzversicherung besitzt, bekommt die zusätzlichen Kosten erstattet. Diese Extras werden grundsätzlich nicht gezahlt, da für die Krankenkassen die Leistungen gesetzlich streng reglementiert sind. Auch die Bewertung der sogenannten IGeL-Leistungen, fällt ernüchternd aus: Gerne von Ärzten beworben, ist deren Nutzen häufig nicht erwiesen oder wird sogar angezweifelt. Nehmen Patienten sie dennoch in Anspruch, haben sie die Beträge dafür selbst zu übernehmen.

Studie enthüllt Praktiken in Krankenhäusern

Tatsächlich werden sogar Operationen vorgeschlagen und durchgeführt, die voll­kommen unnötig sind. Dies ist nicht nur unmoralisch, sondern setzt die Patienten einem gesundheitlichen Risiko, das mit jeder Operation und Narkose einher geht, aus. Die Urheber der Studie prangern an, dass die Politik diese Praxis nicht anerkennen will. Sie machen das Defizit an Grundfinanzierung mit verantwortlich für die Handlungsweise der Ärzte. Dies bestätigen auch die Experten von PricewaterhouseCoopers Deutschland (PWC), einem Dienstleister für Wirtschaftsprüfung sowie Steuer- und Unternehmensberatung. Laut PWC müsse sich das System von Grund auf ändern und verbessert werden.

Die beiden Urheber der Socium-Studie können einen Aspekt ihrer Arbeit am Ende dennoch positiv hervorheben: Die Tatsache, dass sehr viele Mediziner bereit waren, ehrlich über die Methoden und die Situation zu sprechen, zeige, dass viele von ihnen ein dringendes Bedürfnis hätten, die Öffentlichkeit und die Politik zu informieren.

2017-11-10T13:35:34+00:00 9. November 2017|Gesetzlich, Gesundheit, Politik, Versicherung, Vorsorge|