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TK-Innovationsreport enthüllt Sedierung tausender Demenzkranker

Laut Aussagen von Experten werden Demenzkranke nicht selten fehlerhaft behandelt. Diesbezüglich veröffentlichte die Techniker (TK) am Mittwoch ihren Innovationsreport, der zu Tage brachte, dass Betroffene hauptsächlich mit Sedativa behandelt werden.

Von einer Fehlversorgung auf hohem Niveau ist nun die Rede, denn nur rund 14 Prozent der TK-Versicherten erhalten ein Anti-Dementivum, welches ausschließlich für die Behandlung von Demenz vorgesehen ist. Bei neun Prozent aller Versicherten werden Antidementiva in Kombination mit einem zusätzlichen Beruhigungsmittel angewendet. Dies fanden Experten der Universität Bremen heraus. Bei 26 Prozent, also jedem vierten Patienten, wird ausschließlich mit einem Sedativum therapiert.

Mangel an Schuldbewusstsein bei Behandelnden

Gerd Glaeske, Bremer Gesundheitswissenschaftler und Herausgeber des diesjährigen TK-Innovationsreports, gab an, dass sich eine solch massive Fehlversorgung durch Beruhigungsmittel einhergehend mit der parallelen Unterversorgung durch die richtigen Medikamente kaum mit den medizinischen Leitlinien vereinbaren lasse. Es zwinge sich sogar die Vermutung auf, dass Menschen mit Demenzerkrankungen ausschließlich ruhig gestellt werden sollen, anstatt sie einer effektiven Behandlung zu unterziehen.

Nicht nur Jens Baas, Chef der Techniker, spricht sich für eine sofortige Verbesserung aus – die Ergebnisse wurden von der Deutschen Stiftung Patientenschutz als schlichtweg erschreckend bezeichnet. Noch katastrophaler sind laut Report nur die vorherrschenden Zustände in den Pflegeheimen. Mehrere Studien zeigen, dass über 200.000 Patienten von einer Sedierung betroffen sind. Aufgrund dieser großen Zahl außer Kraft gesetzter Demenzkranker liegt die Vermutung nahe, dass es sowohl den behandelnden Ärzten als auch Pflegekräften an Schuld- und Verantwortungsbewusstsein zu fehlen scheint.

Fehlende Investition in Forschung

Allein in Deutschland leiden 1,7 Millionen Menschen an der Krankheit, wobei zwei Drittel von ihnen Alzheimer erdulden müssen – die häufigste Variante von Demenz. Dabei kommt es zu erheblichen Schäden innerhalb der Gehirnzellen und sogar zum vollständigen Absterben, vornehmlich im Segment der Hirnrinde. Eine zunehmende Verschlechterung kognitiver Leistungen, wie Orientierung, Sprache, eigenständiges Denken und Handeln sind Charakterista, anhand derer auch der MDK eine eingeschränkte Alltagskompetenz feststelltAufgrund von fortschreitenden Verhaltensauffälligkeiten und verstärktem Auftreten neuropsychiatrischer Symptome verliert der Betroffene in der Folge die Fähigkeit seinen Alltag selbständig zu bewältigen.

In der Demenz-Forschung werden fehlende finanzielle Zuschüsse für die kostenintensive Suche nach innovativen Medikamenten und Therapien nicht nur von der Deutschen Alzheimergesellschaft seit Langem beklagt, auch in anderen Verbänden werden Stimmen laut. Sämtliche derzeit auf dem Markt verfügbaren  Medikamente sorgen nur für ein verlangsamtes Foranschreiten der Krankheit, jedoch besitzt keines von ihnen eine heilende Wirkung.

Ein Lichtblick bleibt

Im Report der TK wurden 32 Wirkstoffe, welche allesamt seit dem Jahr 2015 verfügbar sind, bewertet. Geprüft wurde dabei, inwieweit die Kosten stabil sind und ob der Patient einen zusätzlichen Nutzen durch das Präparat erfährt. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Bewertungen erkennbar besser ausfielen als in der Vergangenheit. Es wurde für sieben Medikamente eine grüne Ampel ausgesprochen, bei weiteren 15 eine gelbe und eine rote Ampel erhielten nur zehn Arzneimittel. Experten erkannten zudem Fortschritte bei der Therapie von Mukoviszidose, multiplem Myelom und bei der Behandlung der akuten lymphatischen Leukämie.

Das stetige Verbessern der Technik lässt zumindest auf eine Reformierung der Behandlungsmethoden bei Demenz hoffen. Öffentliche Anlaufstellen wie die 2016 ausgezeichnete Hans und Ilse Breuer-Stiftung für Alzheimer-Forschung und -hilfe bereiten schon heute den Weg für kommende Generationen. So bietet das StattHaus Offenbach frei nach dem Motto “Leben und leben lassen” neben einem Informations- und Beratungszentrum auch eine Tagesbetreuung sowie eine ambulant betreute Wohn-Pflege-Gruppe unter einem Dach. Ziel ist neben exzellenter Forschung die Lebenssituation der Betroffenen sowie ihrer Angehörigen entscheidend zu bessern. Leider sind solche Vorbilder momentan noch rar. (jl)

2018-11-08T11:05:18+00:002. November 2018|Gesetzlich, Gesundheit, Vorsorge|