In der Ortschaft Spiegelberg in Baden-Württemberg hat vor kurzem die bundesweit erste „OhneArztPraxis“ eröffnet. Das Projekt, welches vom Bundes­landwirtschafts­ministerium gefördert wird, ist als Pilotprojekt ausgelegt und soll auch in Zukunft Schule machen. Dazu gehört nicht nur die Fern­behandlung von Patienten, sondern auch das E-Rezept.

Ländliche Regionen profitieren von Telemedizin

„Praxis ohne Arzt“ – das soll in Zukunft gar nicht mehr so ungewöhnlich sein. Vor allem in ländlichen Regionen ist der Ärztemangel so groß, dass dieses Projekt besonders dort in naher Zukunft seinen Platz finden soll. Denn der Allgemein­mediziner, der als klassischer Landarzt arbeitet, ist kaum noch anzutreffen. Viele Praxen auf dem Land stehen leer, da es keinen Nach­wuchs gibt, der die Praxis und die Patienten vom Vorgänger übernimmt.

Das war auch im Baden-Württembergischen Spiegel­berg der Fall. Nur zweitausend Einwohner zählt der kleine Ort im Rems-Murr-Kreis. Im Jahr 2013 hatte dort der einzige Allgemeinmediziner seine Praxis aufgegeben. Er betreute nicht nur Spiegel­berg, sondern zusätzlich 12 umliegende Dörfer. Gleichzeitig schloss die Apotheke im Ort. Der Anbieter TeleMedicon aus Heidelberg hat jetzt in der alten Praxis ein sogenanntes „Ländliches Fern­behandlungs-und Diagnostikzentrum“ eingerichtet.

Arztbehandlung per Videochat

In der neuen Praxis kümmern sich Medizinische Fach­angestellte um alles, wofür kein Arzt erforderlich ist: Sie wechseln Verbände, bestimmen den Blutzuckerspiegel, nehmen Blut ab und sind als erste Ansprechpartner für die Patienten da. Wird ein ärztlicher Rat benötigt, schaltet sich der Allgemeinmediziner Jens Steinert aus dem 10 km entfernten Oppenweiler per Videochat dazu. Dabei muss er sich nicht allein auf das übertragene Bild verlassen, sondern wird durch moderne Technik aus der Telemedizin unterstützt. So können beispielsweise die Daten vom Stethoskop oder EKG direkt vom Patienten an den Arzt übertragen werden. Während der Testphase darf Steinert anfänglich nur die Patienten per Ferndiagnose behandeln, die er zuvor mindestens einmal persönlich untersucht hat.

Zukunftsaussichten der Telemedizin

Das Projektmodell in Spiegelberg ist bislang auf zwei Jahre begrenzt. Tobias Gantner, Geschäftsführer von TeleMedicon, sieht jedoch eine längerfristige Chance in der „OhneArztPraxis“. Es könne in Zukunft beispielsweise möglich werden, bei Bedarf gleich den entsprechenden Facharzt in die Behandlung einzubeziehen oder aber direkt die Zweitmeinung eines Kollegen einzuholen. Für die Patienten würde das eine erhebliche Erleichterung bedeuten – gerade im ländlichen Raum, wo der nächste Facharzt oft viele Kilometer entfernt ist. Noch sei die Praxis nicht rentabel, so Gantner, aber er feile weiter an den Zukunftsplänen von dem Projekt. So gehören auch ein Fahrdienst für Patienten zur Praxis und ein Medikamenten­lieferdienst zu seiner Vision, um die medizinische Versorgung auf dem Land zu verbessern und so die Gesundheit zu fördern.

E-Rezept und Apotheke 2.0 ergänzen das Angebot

Ein weiterer wichtiger Baustein für die telemedizinische Versorgung ist das E-Rezept. „Das funktioniert ganz einfach etwa mit einem Smartphone. Es kann ja nicht sein, dass man in Zukunft Patienten aus der Ferne untersucht, die dann aber für das Rezept doch noch zum Arzt fahren müssen“, sagt Gantner. Das Konzept des E-Rezepts ist simpel: Der Patient erhält vom Arzt das Rezept in Form eines QR-Codes direkt auf sein Smartphone. Dieser QR-Code wird dann in der Apotheke gescannt und das passende Medikament kann herausgegeben werden. Zur Zeit läuft auch hierzu ein Pilotprojekt: Die Techniker Krankenkasse baut ihr Angebot zum elektronischen Rezept weiter aus. Auch die Hanseatische Krankenkasse ermöglicht es ihren Patienten im Raum Hamburg jetzt, ihre Rezepte digital zu empfangen. Um die Datensicherheit zu gewährleisten, ist die Übertragung Ende-zu-Ende verschlüsselt, und die Daten werden bis zum Abrufen durch die Apotheke dezentral in der Arztpraxis gespeichert.

Um auch die Apotheken  für die Digitalisierung fit zu machen, erforscht die Universität Osna­brück in Kooperation mit dem Apotheker­verband Westfalen-Lippe e.V. (AVWL) und der Gesundheits­region EUREGIO e.V. die Einsatz­möglichkeiten von digitaler Unterstützung in Apotheken. Mit dem Projekt „Apotheke 2.0“ soll die Position von Apotheken als zentrale Beratungs­stelle vor Ort gestärkt werden, um das vorherrschende „Apotheken-Sterben“ aufzuhalten. Besonders für Patienten, die nicht mehr mobil sind, stellt der Ausbau von Tele­pharmazie­angeboten und Liefer­diensten eine wichtige Perspektive dar. Und auch für die stationäre Pflege und pflegende Angehörige wolle man die digitalen Services ausbauen, so Dr. Klaus Michels, Vorsitzender des AVWL: „Angesichts des alarmierenden Pflege­notstandes könnten wir Apotheker dazu beitragen, eine wichtige Versorgungslücke zu füllen.“