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PKV-Bestandskunden: Keine Umstellung auf Unisex-Tarife

Unlängst hat der renommierte Verfassungs- und Staatsrechtler, Prof. Dr. Dr. Josef Isensee, in einem Gutachten festgestellt, dass die Anwendung der Unisex-Tarife auf die PKV-Verträge der Versicherungsnehmer im Bestand mit der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland nicht zu vereinbaren ist. Einem Bericht der Financial Times Deutschland (FTD) zufolge hat sich die Branche nun dazu entschlossen, die vorbenannten Vertragsanpassungen nicht vorzunehmen; allerdings aus einem anderen Grund: Die privaten Krankenversicherungen hätten einfach keine Zeit mehr für die Umstellung der Bestandsverträge auf die neuen einheitlichen PKV-Tarife gehabt, so der Vorstandsvorsitzende der Debeka Krankenversicherung. Hierfür wäre eine Klarstellung über die genaue Anwendung der Unisex-Tarife seitens des Bundesfinanzministeriums (BMF) bis Ende des vergangenen Monats nötig gewesen, betont Roland Weber.

BMF: Umsetzung der Unisex-Tarife noch ungeklärt

Wie eine Ministeriumssprecherin mitteilte, steht eine abschließende Entscheidung, ob die einheitlichen PKV-Tarife für Frauen und Männer ausschließlich für Neukunden gelten oder auch für Bestandskunden angewendet werden können, noch aus. Hierbei geht es um die Umsetzung des Urteils des Europäischen Gerichtshofes vom 1. März 2011 (Rechtssache C-236/09). Gegenwärtig gibt es die Tendenz, die Unisex-Tarife nur für Neukunden der privaten Krankenversicherungen wirksam werden zu lassen, wie eine Ministeriumssprecherin gegenüber der FTD betonte. Der Grund: Eine entsprechende Anpassung der Bestandsverträge würde sich für einzelne Gruppen der Versicherungsnehmer in beträchtlichen Beitragserhöhungen niederschlagen.

Debeka-Chef sieht Gefahr der Unterkalkulation

Für die private Krankenversicherung gilt: Bis 21. Dezember 2012 müssen die neuen Unisex-Tarife eingeführt werden. Das damit zusammenhängende Tarifwechselrecht für Bestandskunden gibt vor allem Frauen die Chance auf niedrigere Versicherungsprämien. Laut Debeka-Vorstand Weber besteht bei der Einführung der geschlechtergerechten Tarife die Gefahr der Unterkalkulation. Sofern ein PKV-Anbieter dieser Gefahr nicht angemessen Beachtung geschenkt hat, gäbe es zu einem späteren Zeitpunkt nicht die Möglichkeit, entstandene Löcher durch Beitragserhöhungen wieder zu stopfen, so Weber. Dies muss dann durch Eigenkapital erfolgen. Die PKV-Unternehmen haben also die Aufgabe, eine möglichst präzise Berechnung darüber anzustellen, wie viel weibliche Versicherte in den Unisex-Tarif wechseln werden. Nach Ansicht der Debeka würden bei einem Wechsel aller weiblichen PKV-Kunden in den Unisex-Tarif Kosten von mindestens einhundert Millionen Euro für den Krankenversicherer auflaufen.

Nichteinbeziehung der PKV-Bestandskunden hat Auswirkungen

Aus der Behutsamkeit, mit der die privaten Krankenversicherungen die Kalkulation der neuen Versicherten im Unisex-Tarif wohl angehen werden, ergeben sich Konsequenzen für die Verbraucher. Ausgehend von einem hohen Anteil weiblicher Versicherter werden sich die Beiträge in den Unisex-Tarifen laut Debeka-Vorstand Roland Weber mehr an den vorherigen Tarifen für Frauen orientieren “als an einem Mittelwert”. Demzufolge wird sich die private Krankenversicherung für alle Männer kostspieliger darstellen, die ab dem 21. Dezember ihre Unterschrift unter den Vertrag setzen. Parallel werden weibliche Versicherte weniger stark von niedrigeren Beiträgen profitieren können als zunächst angenommen.

2017-10-16T10:01:38+00:00 7. Februar 2012|Politik, Recht, Versicherung|