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Neue Notfallversorgung – Folgen für Patienten nicht absehbar

Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat die Neuordnung der Notfallversorgung beschlossen. Demnach sollen künftig mehr als ein Drittel aller Kliniken keine Sondervergütung mehr für die Behandlung von Notfallpatienten bekommen. Weitere Züge im Rahmen der Neustrukturierung sind geplant.

Mehr als 600 Kliniken erfüllen Standards nicht

628 von 1.748 Allgemeinkrankenhäusern werden zukünftig keine Sondervergütung für die Behandlung von Notfallpatienten mehr erhalten. Das hatte am vergangenen Donnerstag der GBA beschlossen. Was auf den ersten Blick negativ klingen mag, soll die Notfallversorgung stärken. Ziel sei es, einen höheren Mindeststandard für die Versorgung zu schaffen. Unfallopfer sollen so in Kliniken behandelt werden, die mindestens eine Unfallchirurgie besitzen und innerhalb von 30 Minuten einen Facharzt zur Verfügung stellen können. 36 Prozent der bestehenden Kliniken erfüllen diese Anforderungen nicht. Notaufnahmen sollen jedoch laut Gesundheitsminister Spahn durch diese Gesundheitsreform keinesfalls geschlossen werden. Die Sorge darüber hatte nicht zuletzt Bedenken über die Neuordnung ausgelöst.

Neue Notfallversorgung zu einseitig

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) kritisierte das Vorgehen des GBA und deklarierte es als nicht strikt genug. So würden nach Angaben des KBV bereits 736 Standorte genügen, um 99,6 Prozent der Bevölkerung im Notfall optimal zu versorgen. Die unter anderem für ambulante Versorgungsangebote bei Notfallbehandlungen zuständige KBV hat bereits erfolgreich 650 sogenannter „Portalpraxen“ etablieren können. Diese sind direkt an die Notaufnahmen von Kliniken angegliedert. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) hatte im Auftrag der kassenärztlichen Bundesvereinigung ein Gutachten erstellt, dass die derzeitige Notfallversorgung auswertet. Demnach sollte jeder Bürger in Deutschland innerhalb von 30 min. einen Notfallversorger erreichen können. Mit den ambulanten Notfallzentren wäre dies möglich. Die KBV erläuterte anhand des Gutachtens weiter, dass neben den finanziellen Mitteln auch mehr Fachpersonal für eine Umsetzung nötig wäre. Zudem ist eine bessere Steuerung der Patienten unabdingbar, da diese sich oft aus Unwissenheit oder Komfort zur Notaufnahme begeben, ohne dass dies tatsächlich notwendig wäre. Durch eine telefonische Ersteinschätzung, beispielsweise über die Rufnummer 116117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, könnte möglichst früh entschieden werden, welche Patienten „echte“ Notfälle sind.

Folgenabschätzung der Neustrukturierung schwierig

Welche Folgen die Änderungen im System haben werden, ist noch nicht ganz abzusehen. Die Bundesärztekammer zeigte sich besorgt. Die möglichen Folgen sollten geklärt sein, bevor wichtige Versorgungsstrukturen abgebaut werden. GBA-Chef Hecken konterte, dass umfangreiche Daten gesammelt und analysiert wurden und die Auswirkungen durchaus bekannt seien. Diese Daten wurden vom IGES Institut in Berlin im Rahmen einer Befragung von 2000 Kliniken erhoben. Unter anderem wurden Daten zur Erreichbarkeit von Notfallanlaufstellen erhoben und in Tabellenform gebracht. Aufgrund dieser Daten lässt sich jedoch schwer eine verlässliche Aussage zur Versorgung von ländlichen Gegenden treffen, so die Bundesärztekammer. In ihren Augen sei die Datenlage problematisch und reiche für eine erfolgreiche Umstrukturierung nicht aus. Auch der Verband der Leitenden Krankenhausärzte hat sich zu Wort gemeldet und ist der Meinung, dass ein Beschluss erst hätte gefasst werden sollen, nachdem die Gesundheitsministerkonferenz am 20. Juni getagt habe.

Auch Bundesländer reagieren auf Neuregelung

Nach Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses betonte die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler, dass notfalls mit Ausnahmeregelungen die Behandlungen in allen Regionen sichergestellt würde. Eine bundesweite Regelung müsse so gestaltet werden, dass eine flächendeckende Notfallversorgung für jeden gewährleistet ist. Bätzing-Lichtenthäler erklärte weiter, dass sie zu Gegenmaßnahmen bereit sei, sollten sich durch den Beschluss Versorgungslücken ergeben.

Auch der Marburger Bund spricht sich für eine Reform der Notfallversorgung aus ärztlicher Perspektive aus und arbeitet in diesem Zuge mit der kassenärztlichen Bundesvereinigung zusammen. Ärzte in den Notaufnahmen sollten entlastet und die Versorgung ambulanter Patienten verbessert werden. Eine klare Strukturierung sei dabei unabdingbar. Der Marburger Bund ist Europas größte Ärzteorganisation auf freiwilliger Basis und vertritt die Interessen von angestellten und verbeamteten Ärzten in Deutschland. Der Bund erwähnte zudem, dass für den Erfolg durch integrierte Versorgung auch die Rettungsdienste mit einbezogen werden müssten.

2018-04-24T09:07:48+00:0023. April 2018|Gesetzlich, Gesundheit, Politik|