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Mit Transparenz und Professionalität gegen Korruption im Gesundheitswesen

Das deutsche Gesundheitswesen ist anfällig für Korruption: Im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass wohl im Pflegebereich Gelder in Millionenhöhe abgerechnet wurden. Die angeblichen Dienste am Patienten wurden aber nie geleistet. Ebenfalls im Vorjahr wurden zahlreiche Fälle öffentlich gemacht, in denen sich Ärzte gemeinsam mit Apothekern Gelder erschlichen haben, in dem sie Patientenakten und Rezepte fälschten. Selbst gesetzliche Krankenkassen haben zum Jahresende hin gestanden, von Ärzten falsche Diagnosen einzufordern, um höhere Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds zu erhalten. Überraschend sind all diese Vorfälle für Transparency International Deutschland e.V. nicht: Der Verein prangert diese Zustände bereits seit Jahren an, denn es handelt sich keinesfalls um Einzelfälle, sondern spiegelt das Ergebnis von Beobachtungen vergangener Jahre wider.

Ursachenanalyse sieht viele Faktoren

Die Analysen legten unter anderem offen, dass es falsche und zur Korruption animierende Anreize durch eine Fehlverteilung von Versorgungsleistungen im Gesundheitswesen (siehe PDF) gibt. Auch die wirtschaftliche Vorherrschaft der Anbieter – also Ärzte, Therapeuten und Pharmaindustrie – vor den Interessen der Versicherten und Patienten wird thematisiert. So betreiben manche Medikamentenhersteller einen enorm hohen Marketing-Aufwand, der höher ist als die Ausgaben für die Forschung an neuen Medikamenten. Abrechnungsbetrug bei allen Beteiligten, also Ärzten, Apotheken, Versicherten und Pharmaindustrie, ist ein immer wiederkehrendes Problem.

Als Gründe für die Korruptionsanfälligkeit nennen die Beobachter unter anderem das intransparente und hochkomplexe Gesundheitssystem in Deutschland. Ein Bundesministerium sowie 16 verschiedene Landesministerien mit dem Aufgabenbereich Gesundheit existieren im politischen Raum. Dazu kommen pro Bundesland mindestens eine öffentlich-rechtliche Körperschaft für Ärzte und Apotheker, des Weiteren ärztliche und zahnärztliche Vereinigungen sowie Apothekenkammern mit deren Spitzenverbänden. Dem stehen 113 gesetzliche Krankenkassen gegenüber. Komplett wird die Unübersichtlichkeit durch zahlreiche Interessen- und Fachverbände. Sie alle kämpfen um ein Gesundheitsbudget in Milliardenhöhe, das 2014 etwa 328 Milliarden Euro betrug: Das entspricht einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 11 Prozent.

Gegenvorschläge zur Korruptionseindämmung

Es gibt viele verschiedene Vorschläge, die Korruption im Gesundheitswesen einzudämmen. So fordert Transparency Deutschland eine Positivliste für Medikamente und weitere, öffentlich zugängliche Informationen über Qualitäts- und Leistungsunterschiede. Dafür wäre nach ihrer Einschätzung das Institut für Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen verantwortlich, weil es unabhängig ist. Zudem sollten Patienten das Recht bekommen, in die sie betreffenden ärztlichen Unterlagen Einsicht zu erhalten. Eine unabhängige Arzneimittelforschung und ärztliche Weiterbildung sollen den Einfluss der Pharmaindustrie zurückdrängen.

Abrechnungsbetrug als gängigste Methode

Vor allem der Abrechnungsbetrug ist für die Forscher ein Kennzeichen der Korruption im deutschen Gesundheitswesen. Einige Ärzte stellen Leistungen in überhöhter Form in Rechnung – oder solche, die sie gar nicht erbracht haben. Verschiedene Apotheken fälschen zum Beispiel die Mengenangaben auf dem Rezept, die Pharmaindustrie macht schon mal übertriebene oder falsche Heilversprechen. Auch die Patienten und deren Angehörige sind Teil des Korruptionskartells, in dem sie ihre Unterschrift für nicht erbrachte Leistungen hergeben und mitkassieren. Als ein wirksames Mittel gegen die Korruption empfehlen die aktuellen Analysen den Abschied von der zwar historisch gewachsenen, aktuell allerdings wieder in Verruf geratenen Selbstverwaltung des deutschen Gesundheitssystems. Zu viele Beteiligte wie der Staat und Selbstverwaltungsgremien von Ärzten und Apotheken, Patienten und Kassen verhindern, dass ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für das Gesundheitswesen entsteht. Dagegen hilft nach Ansicht der Korruptionsexperten nur eine Professionalisierung – und das am besten gleich in allen Staaten der Europäischen Union.

2017-10-17T15:32:51+00:00 7. Februar 2017|Gesundheit, Versicherung|