Der medizinische Fortschritt und mit ihm die Entwicklung von Telemedizin, Künstlicher Intelligenz und die Verarbeitung großer Datenmengen – genannt Big Data – in Echtzeit sind unaufhaltsam. Damit verbunden sind viele Erleichterungen und Verbesserungen für Patienten, aber nicht alles daran ist ausschließlich positiv zu betrachten. Patienten sollten genau hinschauen, wenn sie sich im Internet informieren und im Zweifelsfall lieber Ihren Arzt oder Apotheker zu Rate ziehen.

Krankschreibung per Smartphone akzeptiert

Im Dezember 2018 startete ein Hamburger Unternehmen mit dem Ausstellen von digitalen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen – sogenannten AU-Scheinen. Bisher erfolgt die Freistellung von der Arbeit nur bei Erkältungskrankheiten, da hier kaum das Risiko einer Fehldiagnose für Patienten besteht und deren Sicherheit Vorrang hat. Über eine digitale Checkliste gleichen Betroffene ihre Beschwerden mit den Anzeichen von Erkältungen ab. Ein Arzt prüft die Angaben, diagnostiziert dann per Telemedizin die Erkältungskrankheit und stellt dem Kranken, nach Zahlung eines Geldbetrages, den Krankenschein aus. Im Anschluss erfolgt der Versand der Bescheinigung sowohl digital als auch über den klassischen Postweg. Rechtlich ist das für Arbeitnehmer abgesichert und muss vom Arbeitgeber akzeptiert werden. Auch für unser Gesundheitssystem ist es von Vorteil, wenn sich die häufigen Arztbesuche der Deutschen bei einfachen Erkältungen reduzieren ließen.

Ausweitung digitaler Angebote bei Deutschen gefragt

Offenbar steigt der Bedarf an E-Health, also digitalen Technologien im Gesundheits­wesen. So werden zum Beispiel Softwarelösungen mit hochkomplexen Algorithmen bei der Früherkennung von Krankheiten eingesetzt, um umfassende Daten (Big Data) zu verarbeiten – mit zuverlässigeren Diagnosen, als von Ärzten.

Eine jüngst veröffentlichte Studie von bitkom förderte zutage, dass die Zahl der Patienten weiter steigt, die online ihre Termine vereinbaren wollen. Gut ein Viertel der 1005 Befragten nutzt solche Angebote bereits. Auch der Wunsch nach kurzer und schneller Kommunikation mit dem Arzt wächst – gefragt sind hier Chat- oder Messenger-Dienste. Während sich knapp 40 Prozent der Umfrageteilnehmer diese Möglichkeit wünschen, nutzen bislang in der Realität nur etwa ein Zehntel solche Tools. Gefragt ist auch die Erinnerung an Untersuchungen zur Vorsorge: Fast vierzig Prozent der befragten Personen gab an, sich über Textnachrichten oder per E-Mail daran erinnern lassen zu wollen. Die Realität sieht indes anders aus. Es gibt zwar Modellprojekte mit positiver Bilanz, wie beispielsweise das telemedizinische Notfallprojekt in Niedersachsen, das Ärzte im Bereitschaftsdienst entlastet. Aber in der Breite ist die Telemedizin dennoch nicht angekommen. Auch wenn das Gesetz es verlangt, scheuen sich viele Ärzte immer noch vor diesem Schritt.

Britischer Gesundheitsdienst NHS setzt auf Alexa

In Großbritannien will man nun offiziell sogar mit Amazon und seiner Sprach­assis­tentin Alexa zusammenarbeiten. Statt bei Beschwerden direkt einen Arzt aufzu­suchen, sollen Patienten schon im Vorfeld herausfinden, welche Behandlung möglicherweise vonnöten ist. Auch hier sind künstliche Intelligenz und Big Data im Spiel, wenn Algorithmen Symptome von Krankheiten bestimmen. In Vergleichen mit Ärzten sollen diese neuen Technologien eine deutlich bessere Trefferquote haben. Ganz unumstritten ist es trotzdem nicht, sich nur auf die Technik zu verlassen.

Wer sich auf Videos verlässt, riskiert Gesundheit

Auch die Nutzung von Internet-Angeboten, vor allem ungeprüften, kann gefährlich sein. So stellten kürzlich Dermatologen vom Universitätsspital Basel auf einem Kongreß in Liverpool (England) eine Studie vor: Sie hatten untersucht, welche Qualität die Videos zum Thema Ekzeme bzw. Neurodermitis auf der größten Videoplattform weltweit – auf Youtube – haben. Immerhin jedes fünfte Kind auf der Welt ist von der Hautkrankheit betroffen, eine gute Hautpflege ist unerlässlich. Viele Eltern wünschen sich Hilfe und Heilung für ihren Nachwuchs und sind daher geneigt, jede erdenkliche Option in Betracht zu ziehen.

Doch der Oberarzt Dr. Simon Müller, der die Analyse leitete, warnt: Von den 100 am meisten aufgerufenen Videos mit insgesamt etwa 8,5 Millionen Aufrufen, müssen 36 Prozent als „potentiell schädigend” beurteilt werden. 46 % wurden von den Forschern immerhin als „irreführend” bewertet. Ob unsinnige Diät oder Behandlungs­empfehlungen für zu Hause, die schlimmstenfalls sogar gesundheitsschädlich sein könnten; auffällig war, dass etwa die Hälfte der Angebote von Unternehmen stammte, die alternative Behandlungsmethoden vertreiben. Immerhin ein Drittel waren Informationen von Universitäten oder institutionellen Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen. Insgesamt stellten die Autoren der Studie den Youtube-Videos kein gutes Zeugnis aus, denn rund 60 Prozent aller überprüften Angebote hielten wissenschaftlichen Kriterien nicht stand und sind als zum Teil sogar als sehr mangel­haft einzustufen. Es scheint, als ob der Mensch nach wie vor wichtig bei der Beurteilung von Krankheiten, als Ratgeber oder Begleiter von Kranken bleibt.

Gesundheitsförderung und Prävention durch Berater

Jemanden an seiner Seite zu wissen, der professionell beraten und begleiten kann, wäre für viele Menschen sicher eine große Stütze. Nicht immer scheitert es am guten Willen der Leute, dass sie sich zu wenig bewegen, ungesund ernähren oder sich durch Stress wie in einem Karussell gefangen fühlen. Gesundheitskompetenz heißt hier das Zauberwort: Nur wer aufgeklärt ist und weiß, was gesund ist und gut tut, ist auch in der Lage, entsprechend zu handeln und sein Leben umzustellen, sofern nötig. Besser noch wäre es, würde Unterstützung bereits eingesetzt, bevor es zu Fehl­ent­wicklungen kommt. Investitionen in Gesundheitsförderung und Prävention gewinnen daher immer stärker an Bedeutung. Als anerkannt gilt mittlerweile, dass sie einen großen Anteil daran haben werden, die Gesundheitskosten dauerhaft und mit Erfolg zu senken.

In diesem Sinn ist die Universität Basel in der Schweiz aktiv geworden und hat ein Studienangebot zum Personal Health Coach (PHC) entwickelt. Der kostenpflichtige Lehrgang soll den Studierenden u.a. Strategien an die Hand geben, bei Betroffenen Änderungen ihres Verhaltens zu bewirken. Auch die Fähigkeit, den Zustand von Gesundheit und Fitness ihrer Klienten zu bestimmen, soll erlernt werden. Zur einjährigen Ausbildung gehört daher neben viel Theorie auch ein Praktikum, um Erlerntes direkt anzuwenden. Geeignet sein soll diese Zusatzqualifizierung insbesondere für Personen, die bereits einen beruflichen Abschluss oder Erfahrungen aus dem gesundheitlichen Umfeld mitbringen, wie Physiotherapeuten, Psychologen oder Ernährungsspezialisten.