Jedes Jahr landen rund elf Millonen Tonnen an Lebensmitteln im Müll. Diesem Trend will die Stadt Hamburg jetzt entgegenwirken. Deren Justizsenator will eine bundes­weite Erlaubnis des Sammelns von weggeworfenen Nahrungsmitteln und Essens­res­ten erlauben. Damit soll in Deutschland das sogenannte Containern – auch Müll­tauchen oder Dumpsterdiving genannt – straffrei werden.

Strafen für die Lebensmittelrettung

Der Hamburger Justizsenator Till Steffen von den Grünen hat einen entsprechenden Antrag bereits vorbereitet. Eingereicht werden soll er auf der Konferenz der Justizminister der Bundesländer, die am 5. und 6.6.2019 stattfindet. Bereits im April diesen Jahres forderte die Fraktion der Linken die Regierung auf, das Containern zu legalisieren. Bisher gilt es nämlich immer noch als Diebstahl, wenn weggeworfene Nahrung aus den Müllcontainern der Supermärkte und Fabriken entnommen wird. Oft landen Lebensmittel aufgrund von Druckstellen oder einem abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum im Müll – die als Abfall deklarierten Speisen sind in vielen Fällen also durchaus noch genießbar. Mit der Aufforderung, das Containern zu tolerieren, will die Justizbehörde aus Hamburg verhindern, dass Personen weiter strafrechtlich verfolgt werden, die sich gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen.

Im vergangenen Jahr machten zwei Studentinnen aus Olching in Bayern Schlagzeilen, die in einem Supermarkt noch genießbare Nahrungsmittel aus den Müllcontainern nahmen und dabei erwischt wurden. Der Supermarkt klagte gegen die beiden jungen Frauen. Im KKZ Podcast zum Thema Lebensmittelverschwendung berichtet Campact – eine Bürgerbewegung – wie der aktuelle Stand ist und was sich seitdem getan hat.

Lebensmittelverschwendung vermeiden – aber wie?

Das Sammeln entsorgter Essensreste betreiben neben Aktivisten auch obdachlose Menschen. Vom Containern profitieren damit auch Personen, die sich in einer existenziellen Notlage befinden und damit ihre Ernährung sicherstellen. Der Bund soll nun eine Neuregelung der Eigentumsaufgabe für weggeworfene Lebensmittel aus Supermärkten und Hersteller-Fabriken in Angriff nehmen. Kann hier keine Änderung erzielt werden, will Hamburg dem Containern selbst die Grundlage entziehen. Damit verbunden wäre ein Wegwerfverbot für Supermärkte. Als Vorbild könnte hier das Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung in Frankreich fungieren – dieses wurde 2016 verordnet und verpflichtet Betriebe der Nahrungsmittelindustrie mit einer Lagerfläche von über 400 Quadratmetern dazu, unverkaufte Essensreste an gemeinnützige Vereine zu spenden. Auch in Tschechien müssen Betriebe nicht verkaufbare Lebensmittel an eine Wohltätigkeitsorganisation ausliefern.

Eine neue gesetzliche Grundlage in Deutschland könnte das ehrgeizige Ziel der Vereinten Nationen, bis zum Jahr 2030 weltweit die Lebensmittelverschwendung zu halbieren, Realität werden zu lassen. Auch Deutschland hatte sich dazu verpflichtet. Schaut man sich aktuelle Zahlen an, nimmt der Abfall an Nahrungsmitteln, besonders im industriellen Bereich, momentan sogar noch zu: Bereits bei der Ernte beginnt die Abfallproduktion, z.B. weil Obst oder Gemüse den Vorgaben des Handels optisch nicht entsprechen, sodass man aktuell von etwa 18 bis 26 Millionen Tonnen Lebensmittelabfall ausgehen muss.

Was sind Ursachen der Lebensmittelverschwendung?

Die Auswüchse der Wegwerfgesellschaft seien aber nicht nur bei den Großkonzernen zu suchen. Gemäß der Bundesministerin für Ernährung, Julia Klöckner, werfen die Bewohner Deutschlands jährlich ein Drittel Ihrer Nahrungsmittel weg. Rund 11 Millionen Tonnen genießbare Speisen werden so, laut der Universität Stuttgart, im Jahr verschwendet. Ein Problem besteht unter anderem darin, dass die Deutschen zu viel einkaufen. Seinen Verbrauch und die Ernährung zu planen, hilft, den Müll zu vermeiden und tut gleichzeitig etwas für sich und seine Gesundheit.

Ganz anders geht das bei Marie Delaperrière, die vor mehr als 5 Jahren in Kiel den ersten Unverpackt-Laden in ganz Deutschland eröffnete. Fast alle Lebensmittelgruppen, bis auf Fleisch, sind in ihrem Ladengeschäft erhältlich. Hier bekommt jeder seine Nahrungsmittel in der Menge, die er benötigt – von wenigen Gramm für Backzutaten bis zu mehren Kilogramm schwere Säcken, z.B mit Getreide oder Nüssen. Mit ihrem Angebot ohne Verpackungen, dass inzwischen auch in anderen deutschen Städten Schule machte, schlägt sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen vermeidet sie jeglichen Müll, der sonst mit beinahe jedem in einem Supermarkt gekauften Produkt einhergeht, weil die Kunden ihre eigenen Gefäße mitbringen. Und zum anderen kann bei Marie jeder Kunde seine Nahrung so einkaufen, wie er sie auch verbraucht, wodurch aktiv Lebensmittelverschwendung vermieden wird.

Containern bald in ganz Deutschland legal?

Ginge der Antrag der Grünen auf Straffreiheit für Containern in Hamburg durch, könnte dieser Schritt wegbereitend für einen gesetzlichen Umschwung in ganz Deutschland sein. Damit wäre das Containern bald überall in Supermärkten entsprechender Größe legal. Möglich ist aber auch, dass in Bezug auf Lebensmittel ein Wegwerfverbot ausgesprochen wird. Die betreffenden Betriebe müssen unverkaufte Lebensmittel und Speisen dann an Hilfsorganisationen oder Tafeln für Obdachlose spenden – hier handelt es sich übrigens um eine Maßnahme, die einige Händler bereits jetzt durchführen.

Davon profitiert auch die Freiburger Tafel e.V., wie viele andere Tafeln deutschlandweit. Die meisten der Spender sind Bäckereien, Supermärkte, Lebensmitte-Großmärkte, aber auch kleinere Läden aus den Stadtteilen oder Bauern aus der näheren Umgebung. Das besondere der Freiburger Tafel: Gemeinsam mit der Stadt und der Arbeitsagentur betreibt sie den „Tafelgarten” auf einer Fläche von etwa 2000 m². Neben angelegten Beeten für Blumen sorgen vor allem Gemüse und Kräuter sowie Obstbäume für eine frische und bereichernde Versorgung der Menschen, welche die Tafel in Freiburg in Anspruch nehmen.

Wird per Gesetz ein Wegwerfverbot für Lebensmittel geschaffen, könnten noch viel mehr Menschen deutschlandweit in den Genuss von Lebensmitteln kommen, die normalerweise aussortiert würden. Und so zu aktiven Lebensmittelrettern werden.