Zucker, Salz und Fett wollen Iglo, Nestlé & Co. auf ihren Produkten besser sichtbar machen. Hierzu möchten die Unternehmen eine Skala benutzen, die bereits in Frankreich, der Schweiz und Belgien angewendet wird. Luxemburg, Portugal und Spanien wollen sich anschließen. Die deutsche Ernährungs­ministerin Julia Klöckner (CDU) lehnt dies jedoch vehement ab und will für Deutschland eine andere Kennzeichnung durchsetzen. Dadurch zieht sich das seit mehr als 10 Jahren andauernde Verfahren für eine bessere Kennzeichnung weiter in die Länge.

Ministerin fordert Verständlichkeit für Nährwerte

Die Ernährungsministerin erntete viel Unverständnis und den Vorwurf einer Schleich­werbung, als sie das Gespräch mit dem Lebensmittelkonzern Nestlé suchte. Mittler­weile wird sie hingegen von Nestlé selbst kritisiert: Der Konzern wirft der Politikerin vor, eine vernünftige Lebensmittelkennzeichnung in Deutschland zu blockieren. Nestlé möchte, wie auch andere Anbieter in Deutschland, die wissenschaftlich erstellte Methode des Nutri-Score auf all seinen Produkten in Europa ausweisen. Die Ausweisung der Nährstoffe „Front-of-Pack”, also gut les- und sichtbar auf der Vorderseite einer Verpackung, ist derzeit nur auf freiwilliger Basis möglich, für ein verpflichtendes System müsste zunächst Europäisches Recht geändert werden. Laut eigener Aussage befürwortet Frau Klöckner bislang kein konkretes Modell.

Hielt Ernährungs­ministerin Studie zurück?

Sie hatte aber das Max-Rubner-Institut (MRI) beauftragt, eine wissenschaftliche Studie zu 19 verschiedenen Kennzeichnungsmodellen und deren Vor- und Nachteilen zu erstellen. Die Ergebnisse wurden bereits im Herbst 2018 an das Ministerium übergeben, aber erst im April 2019, veröffentlicht. Dem Verein foodwatch zufolge, der sich in Sachen Essen und Ernährung engagiert, wurde der Bericht zurückgehalten und bereinigt, um die positive Bewertung des Nutri-Score zu minimieren. Geht es nach Frau Klöckner, „muss [die Nähwertkennzeichnung] klar sein und sich an der Lebensrealität orientieren. Das heißt: Auf einen Blick für Verbraucher verständlich.“ Weshalb der Nutri-Score das für die Ministerin nicht leistet, gab sie nicht bekannt.

Deutschland will eigene Kennzeichnung

Die Länder Frankreich, Belgien und die Schweiz unterstützen den Farb-Score, derweil kämpft Deutschland mit Gesetzen und Politik. Ein Gericht hatte dem Tiefkühlkost-Unternehmen Iglo im Frühjahr erklärt, die Nutzung des Nutri-Score-Logos für die Bewertung der Lebensmittelinhaltstoffe sei wettbewerbsrechtlich nicht zulässig. Der Branchenverband der deutschen Lebensmittelindustrie, BLL, lehnt das Zeichen ebenso wie die Ernährungsministerin ab. Diese will in den kommenden Monaten ein selbstständiges Modell für Deutschland vorstellen. Dies soll auf der Basis einer Verbraucherumfrage geschehen, die verschiedene Modelle beinhaltet, dabei sind unter anderem das schwedische Keyhole-Modell wie auch der Nutri-Score. Das Ergebnis der Befragung soll, laut Klöckner, im September 2019 vorliegen. Im Anschluss soll das weitere Vorgehen entschieden werden.

Iglo verlässt Lebensmittelverband

Iglo hat kürzlich den führenden Lobbyverband der Lebensmittelwirtschaft verlassen, der Grund dafür ist eindeutig der Streit um die Farbskala Nutri-Score. Iglo, zusammen mit Danone und Bofrost, hatte die verbraucherfreundliche Kennzeichnung seit Anfang des Jahres langsam eingeführt. Der BLL hat sich klar gegen jegliche farbliche Kennzeichnung der Nährwerte ausgesprochen. Iglo kritisiert den Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde heftig und spricht von Symbolpolitik statt Gestaltungswillen. Iglo wirft dem Verband vor, dass es ihm an einer strategischen Ausrichtung für die Branche fehle.

Nestlé bereit zur Umsetzung

Auf eine schnelle Freigabe des Nutri-Score drängt dagegen Nestlé. Bei Nestlé Deutschland würde man sofort mit der Umsetzung beginnen. Iglo will all seine Produkte, von Fischstäbchen bis hin zu Spinat, mit der Nutri-Score-Skala kenn­zeich­nen, welche die Nährwertqualität auf einer 5-stelligen Farbskala von A bis E auf der Verpackung darstellt. Dieses System hat sich bereits in einigen Ländern Europas etabliert und wird von weiteren aufgegriffen.

Iglo hofft, dass weitere Hersteller folgen und den Verband BLL verlassen, da dieser sich eher um die Interessen der Süßwaren- und Junkfood-Hersteller kümmere. Viele Verbraucher wollen sich gesünder durch weniger Fett, Zucker und Salz ernähren und wünschen sich eine verständliche Ausweisung der Nähwerte. Das haben mittlerweile auch etliche Lebensmittelunternehmen erkannt. Der Verband, so Iglo, schade mit seiner Einstellung nicht nur den Endverbrauchern, sondern auch den Herstellern, die es versuchen besser zu machen.