Kein Testsieger bei Stiftung Warentest: Beratung zu Inkontinenzmaterial dürftig

Die Harn-Inkontinenz wird häufig auch als Blasenschwäche bezeichnet und betrifft überwiegend Frauen. Jedoch sind auch zahlreiche Männer in Deutschland betroffen, denn die Krankheitsbilder und deren Ursachen können laut dem Berufsverband der Frauenärzte e.V. sehr unterschiedlich sein. Sie reichen von der Geburt eines Kindes, über eine Operation im Beckenbereich, wie z.B. einem Kaiserschnitt oder Prostata-OP, bis hin zu alters- und krankheitsbedingten Muskelschwächen. Die Stiftung Warentest berichtet in der Juli-Ausgabe ihres Magazins „Test“ über mangelhafte Verhältnisse in der Produkt-Erstberatung von Inkontinenzpatienten. Das Fazit: Alle Beratungen vor Ort schnitten entweder ausreichend oder sogar mangelhaft ab, auch für telefonische Dienstleistungen wurden, ausgenommen von drei befriedigenden Gesprächen, die selben negativen Testergebnisse festgestellt.

20 Versorgungseinrichtungen im Test

Durchgeführt wurden die Tests von sieben Probanden, die unter der Vorgabe von Inkontinenzbeschwerden insgesamt 140 Beratungsangebote in jeweils 10 verschiedenen lokalen Einrichtungen und Unternehmen aus der Sanitätsprodukt-Branche wahrnahmen. Die sogenannten Homecare-Unternehmen, Hersteller von Sanitätsprodukten, bieten ihren Kunden eine telefonische Beratung an, während die persönlichen Gespräche in Apotheken und Sanitätshäusern im Ruhrgebiet in Anspruch genommen wurden.

Hohe Zahl von Betroffenen und ein nicht hinnehmbares Testergebnis

Inkontinenz zeichnet sich neben den zweifellos unangenehmen körperlichen Beschwerden vor allem dadurch aus, dass sie nach wie vor ein großes gesellschaftliches Tabuthema ist. Die schätzungsweise bis zu 15 Millionen Menschen in Deutschland, die darunter leiden, müssen nicht nur bei Arzt- und Apothekenbesuchen stets eine hohe Hemmschwelle übertreten, um ihre krankheitsbezogenen Anliegen vorzubringen. Umso sensibler sollten entsprechend auch die Erstberatungen für Betroffene sein. Fatalerweise berichten die Testpersonen der Stiftung Warentest von indiskreten Gesprächspartnern und -situationen und von dem Gefühl, dass die Beratenden das Gespräch möglichst schnell beenden wollten. Als ebenfalls unzureichend stellten sich mitunter mitgegebene Warenproben in Form von Windeln, Einlagen oder Pants heraus – hygienisch mangelhaft, unbeschriftet oder unpassend. Bereits die Erfassung der Betroffenensituation durch das beratende Personal verlief durchweg ineffektiv. Häufig wurde nicht einmal nach der Art der Inkontinenz (mit Video) gefragt, die zwingend erforderlichen Körpermaße und auch die ärztliche Diagnose spielten für die Berater selten eine Rolle.

Stiftung Warentest rät: Krankenkassen um Informationen bitten

Teil der Produktberatung ist stets auch die Frage nach der Kostenabdeckung für die Hilfsmittel durch die Krankenkassen. Hier konnte festgestellt werden, dass an die Tester gravierende Fehlinformationen vermittelt wurden. Faktische Sachlage ist, dass bei verordneten Inkontinenzprodukten, die von den Kassen abgedeckt werden, eine maximale monatliche Zuzahlung von 10 Euro von den Betroffenen eingefordert werden kann. Entsprechend diesem Resümee ist es empfehlenswert, sich unmittelbar nach einer Diagnose mit der eigenen Krankenkasse in Verbindung zu setzen. Gesetzliche Krankenkassen (Liste mit Zusatzbeitrag) können in der Regel Empfehlungen aussprechen und vertrauenswürdige Versorger empfehlen, sofern sie keine Kooperation mit einem Hersteller haben.

Unzulänglichkeiten direkt ansprechen

Wer mit dem Beratungsgespräch unzufrieden ist, sollte dies auch offen äußern, denn nur so kann die Kritik aufgenommen und der Kundenservice verbessert werden. Insbesondere nach Erhalt von unbrauchbaren Warenproben sollte dies nahezu zwingend geschehen – solange das ausgestellte Rezept für Inkontinenzprodukte nicht eingelöst wurde, können Beratungen wiederholt und gegebenenfalls sogar die Apotheke oder das Sanitätshaus gewechselt werden.

2017-07-11T12:13:50+00:00 11. Juli 2017|Allgemein|