Für Nahrungsergänzungsmittel gelten vermeintlich strenge Regularien. Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man sich die allgemeinen strengen Kontrollen der Lebensmittelbranche ein wenig genauer anschaut. Doch ganz so eng gefasst, scheinen diese Richtlinien dann doch nicht zu sein, wie ein Reporterteam der ARD unlängst aufgedeckt hat.

Nahrungsergänzungsmittel – Zulassung ohne Kontrolle?

Um Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland auf den Markt bringen zu können, müssen diese registriert werden. Im Rahmen der Registrierung wird geprüft, welchen Mehrwert sie haben und ob sie frei von schädlichen Inhaltsstoffen sind. So jedenfalls die normale Vorgehensweise. Doch Recherchen haben gezeigt, dass selbst hochgif­tige Produkte ohne Kontrolle auf den Markt gelangen könnten. Wie kann das passieren?

Giftige Inhaltsstoffe werden problemlos “durchgewunken”

Ein Autorenteam vom ARD Magazin „Report Mainz“ wollte herausfinden, wie intensiv neue Nahrungsergänzungsmittel kontrolliert werden, bevor sie eine Zulassung für den Vertrieb in Deutschland erhalten. Denn im vergangenen Jahr wurden rund 225 Millionen Packungen an Ergänzungsmitteln verkauft. Dabei handelt es sich meist um Vitaminpräparate oder Mineralstoffe wie Magnesium. Gekauft werden sie u.a. von gesundheitsbewussten Menschen, für die gesunde Ernährung und Sport ohnehin schon eine wichtige Rolle spielen. Mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wollen sie ihrem Körper zusätzlich etwas Gutes tun und Mangel­erscheinungen vorbeugen.

Das zweimonatige Experiment der ARD zeigte jedoch, dass bei der Zulassung solcher Ergänzungsmittel weder sachgerechte Kontrollen stattfinden, noch Verbote ausge­sprochen werden. Dabei hatten die Reporter auf den eigens von ihnen angefertigten Präparaten recht deutlich darauf hingewiesen, diese giftige Inhalts­stoffe wie Stech­apfel enthalten: Ein Mittel, dass bei der Einnahme zum Tod führen kann.

Abgelehnt wurden die Nahrungsergänzungsmittel jedoch nicht. Ganz im Gegenteil. Es wäre möglich gewesen, sie auf den Markt zu bringen. Die Reporter entschieden sich jedoch den Test rechtzeitig abzubrechen. Doch wer hat Schuld an dieser laschen Kontrolle? Die Behörden? Die gesetzlichen Vorgaben? Oder muss sich generell etwas ändern, um so etwas zu vermeiden?

Überwachungssystem zeigt Schwächen

Dieser „Test“ hat gezeigt, dass das Überwachungssystem nicht ausgereift genug ist. Die Kontrollen greifen nicht umfassend, sodass aktuell nicht sichergestellt werden kann, dass keine schädlichen Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt gelangen. Eine Gesund­heitsgefahr für den Verbraucher kann derzeit nicht völlig ausgeschlossen werden.

Zudem sind die Behörden überfordert. Der globale Handel, der einen weltweiten Handel zulässt, steht in einem starken Kontrast zu den wenigen Mitarbeitern, die eine Kontrolle durchführen können. Am Personalmangel muss daher zuerst gearbeitet werden.

Verbraucherschutzpolitikern Renate Künast spricht sich daher für einen System­wechsel aus. Sie schlägt ein ähnliches Zulassungs­prinzip wie bei regulären Medikamenten vor. Demnach darf der Verkauf erst nach der Zulassung eines Prä­parats erfolgen. Dies könnte ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein, vor allem, wenn man bedenkt, dass alleine im letzten Jahr mehr als 8000 neue Produkte im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel in den Verkauf gekommen sind.

Skrupellose Abzocke von Verzweifelten

Neben der mangelnden Zulassungskontrolle fielen den Reportern der ARD auch die zweifelhaften Verkaufsstrategien der Vertreiber ins Auge. So werden spezielle Nahrungsergänzungsmittel nicht nur zu horrenden Preisen verkauft, sondern schwerkranke Menschen gezielt in ihrer Verzweiflung ausgenutzt. So sollen die angeblichen Zauber-Pillen Arthrose-Patienten von den quälenden Schmerzen befreien oder sogar zu Krebsheilung beitragen.

In Deutschland werden jedes Jahr rund 100 Millionen Euro für Arthrose-Präparate ausgegeben. Diese sind meist wirkungslos, da sie nur in den Magen-Darm-Trakt gelangen und nicht direkt an den Gelenk wirken. Trotzdem greifen viele Betroffene zu Ergänzungs­mitteln, manche davon verschulden sich sogar oder verzichten auf den Einkauf von gesunden Lebensmitteln – alles in der Hoffnung auf Heilung. Dabei ist vor allem bei Arthrose eine gesunde Ernährung besonders wichtig. So sollte auf ausreichend Vitamine und Ballaststoffe geachtet werden. Auf Fleisch sollte über­wiegend verzichtet werden, da es zur Bildung entzündungsfördernder Säuren bei­trägt. Helfen können auch heimische “Superfoods” wie Hirse oder Brennesseln, die Kieselsäure enthalten und knorpelstabili­sierend wirken. Ein gezielter Ernährungsplan kann somit deutlich erfolgversprechender sein als die angeblichen Wundermittel.