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Führerschein weg bei Demenz – Sollen Hausärzte entscheiden?

Bisher gibt es keine Regelung, die es Menschen mit Demenzerkrankung verbietet, Auto zu fahren. Die Verantwortung liegt teilweise bei den Angehörigen und teilweise bei behandelnden Ärzten. Es wird mehr auf Diskussionen und Verständnis gesetzt als auf die Gesetzgebung. Tatsächlich ist das Thema heikel und jeder einzelne Fall muss gesondert betrachtet werden. Nun hat die Deutsche Alzheimer Gesellschaft in Kassel ihre Empfehlungen für Hausärzte vorgestellt, aus denen hervor geht, dass dem Thema in Zukunft mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.

Hausärzte sollen das Thema anpacken

Helga Schneider-Schelte von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft weiß, dass es sich hinter der Frage, ob demenzkranke Menschen noch Auto fahren sollten, ein enormes Konflikt­potential vor allem im familiären Umfeld verbirgt. Da es nicht leicht ist, einen geliebten Menschen damit zu konfrontieren, dass seine Fähigkeiten nachlassen, wird nun eine Stufenlösung vorgeschlagen. Schneider-Schelte betont, dass sich die Angehörigen bei diesem Thema oft von den Ärzten im Stich gelassen fühlen. Sie bringt den Hausarzt als wichtigen Ansprechpartner ins Spiel. Die Empfehlungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft wurden daher gemeinsam von Ärzten, Verkehrs- und Rechtsexperten erstellt und sollen Hausärzten einen Leitfaden an die Hand geben. So wird dazu geraten, dass Hausärzte das Thema des Auto­fahrens im Alter generell früh mit allen ihren Patienten besprechen, idealer­weise schon, bevor eine Demenz besteht. So können die Patienten sich schon mit dem Thema ausein­andersetzen und zeigen vielleicht im Ernstfall mehr Verständnis. Sollten sich die Patienten dann nicht einsichtig zeigen und möglicherweise sich und andere Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringen, kann der Arzt immer noch die Behörden einschalten.

Liegt beispielsweise eine familiäre Veranlagung zu Demenzerkrankungen vor, könnte auch eine frühzeitige Neurochemische Demenzdiagnostik (NDD) helfen, beizeiten einen Therapieplan zu entwickeln. Hier sind Spezialisten gefragt, wie z.B. das Labor für Klinische Neurochemie und Neurochemische Demenzdiagnostik an der Universitätsklinik Erlangen, ein bundesweit führendes Zentrum in diesem Bereich. Mit Hilfe der Untersuchung der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit – im Fach­jar­gon Liquor genannt – lassen sich heutzutage schon weit vor dem Ausbrechen bestimmte kognitive Erkrankungen erkennen. Dabei geben spezielle Biomarker, also Werte, die bei biologischen Prozessen z.B. im menschlichen Körper gemessen werden, Hinweise zur Diagnose oder auch dem künftigen Verlauf von Krankheiten. Dieses Wissen stellt das hauseigene Labor zum Einen den Patienten der Uniklinik zur Verfügung, zum Anderen profitieren davon auch externe Einrichtungen, die in wissenschaftlichen Studien Demenzerkrankungen auf den Grund gehen.

Leitfaden zur Fahrtüchtigkeit

Es wurde ein Leitfaden zu fahrsicherheitsrelevanten Auffälligkeiten (PDF) erstellt, anhand dessen die Hausärzte das Thema zur Sprache bringen können. Selbstver­ständlich ist das Abgeben des Führerscheins ein schwerer Schritt, der einen großen Teil der persönlichen Freiheit einfordert. Mit dem Leitfaden können Ärzte nun systematisch vorgehen und natürlich auch Angehörige in die Diskussion mit ein­beziehen. Ziel des Leitfadens ist es, in regelmäßigen Abständen mit älteren Men­schen und Demenzpatienten das Thema Autofahren zu diskutieren und dabei herauszufinden, ob ein Risiko besteht und ob es nötig ist, dem Patienten vom Fahren abzuraten. In mehreren Workshops wurden sowohl die menschlichen als auch die rechtlichen und medizinischen Hintergründe diskutiert, so dass der Leitfaden nun in Form einer Checkliste und Frageliste vorliegt, die Hausärzte nutzen können.

Klinische Studien erforschen Ursachen für Demenz

Dass Hausärzte stärker eingebunden werden sollen in diese Entscheidung macht Sinn: Sie sind nah dran am Patienten und haben sie häufig schon über viele Jahre betreut. Ihnen fallen damit eher Veränderungen im Verhalten oder das Nachlassen des Gedächtnisses auf.

Vieles ist beim Thema Demenz und Alzheimer noch ungeklärt bzw. nicht endgültig erforscht. Auch wenn es bereits Hinweise auf mögliche Ursachen gibt, sind weitere Forschungen und klinische Studien nötig. Der Vorteil, den Studien dabei an einem klinischen Forschungszentrum bieten, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Grundlagenforschung und der direkten Anwendung beim Patienten in der Klinik. Das Projekt SmartAge des NeuroCure Excellenzclusters an der Charité Berlin widmet sich im Rahmen einer Studie konkret der Annahme, dass bestimmte Bestandteile unserer Nahrung unmittelbar Einfluss haben können auf die Eigenschaften unserer Nervenzellen und das, was unser Hirn leisten kann. Die beim Zellstoffwechsel entstehenden Polyamine sind körpereigene Eiweißbausteine, deren Menge im Alter natürlicher­weise abnimmt. Fehlen sie, kommt es unter Umständen zum Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten. Mit Hilfe von polyaminen Nahrungsergänzungsmitteln könnte es vielleicht künftig möglich sein, die Gedächtnisleistung oder die Lernfähigkeit zu verbessern. Auch wenn es noch Zukunftsmusik ist – vielleicht werden eines Tages viele ältere Menschen zum Frühstück ihre „Lernpille“ einnehmen und sich anschließend führerscheintauglich in ihr Fahrzeug setzen dürfen. (kt)

2018-07-19T16:09:22+00:0017. Juli 2018|Gesetzlich, Gesundheit, Politik, Recht|