Frühkindlicher Stress kann Lebenserwartung um bis zu 20 Jahre reduzieren

Sind Kinder schon in der frühesten Kindheit dauerhaft Stress ausgesetzt, wirkt sich das nicht nur auf ihre psychische Gesundheit aus. Auch physische Erkrankungen treten in späteren Jahren gehäuft auf und ihre Lebenserwartung kann um bis zu 20 Jahre sinken. Zu diesem Schluss kommt eine Autorengemeinschaft aus Deutschland, der Schweiz und Österreich im Rahmen einer aktuellen Publikation im Bundesgesundheitsblatt (PDF).

Je mehr Stress, desto drastischer die Folgen

Als Auslöser frühkindlichen Stresses kommen neben typischen Belastungen wie Vernachlässigung, Missbrauch und Gewalterfahrungen auch diverse Risikofaktoren infrage. Dazu zählen u.a. eine längere Trennung von einer primären Bezugsperson, häufige oder ernsthafte Erkrankungen, die Geburt eines jüngeren Geschwisterkindes in den ersten 18 Monaten, chronische Disharmonie in der Familie oder die Trennung der Eltern. Sämtliche Faktoren wirken kumulativ: Je mehr Auslöser und Risikofaktoren vorhanden sind und je länger ein Kleinkind diesen ausgesetzt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit gesundheitlicher Spätfolgen.

Folgen frühkindlichen Stresses

Dass frühkindlicher Stress in späteren Jahren die Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen erhöhen kann, ist schon länger bekannt. Besonders erhöht ist die Wahrscheinlichkeit, an Depressionen, Essstörungen sowie an Angststörungen zu erkranken. Die Suizidrate ist stark erhöht. Darüber hinaus belegt eine retrospektive ACE-Beobachtungsstudie, die Daten US-amerikanischer Krankenversicherungen auswertete, dass Menschen, die frühkindlichem Stress ausgesetzt waren, auch deutlich mehr unter körperlichen Erkrankungen leiden. Wer mit vier oder mehr Risikofaktoren belastet ist, trägt ein erheblich erhöhtes Risiko u.a. für Schlaganfall, koronare Herzkrankheit, Hepatitis B, Diabetes Typ 2 und verschiedene Krebsarten. Auch auf die Lebenserwartung hat frühkindlicher Stress extreme Auswirkungen. Der ACE-Studie zufolge versterben Personen mit sechs oder mehr Risikofaktoren im Schnitt bereits mit 60,6 Jahren und damit 18,5 Jahre früher als Personen mit weitgehend stressfreier Kindheit.

Faktoren, um das Schlimmste zu verhindern

Stress im frühen Kindesalter bedeutet allerdings nicht automatisch eine auf Lebenszeit beeinträchtigte Gesundheit und ein frühes Ableben. So gibt es z.B. schützende Faktoren, die diesen Effekten entgegenwirken. Zu diesen Faktoren zählen beispielsweise eine gute Bindung zur primären Bezugsperson (z.B. die Mutter) im ersten Lebensjahr, Unterstützung durch andere Familienmitglieder und Personen außerhalb der Familie sowie wenige Geschwisterkinder mit einem Abstand von mehr als 2 Jahren. Darüber hinaus empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM e.V.) frühzeitige Interventionen, etwa in Form von Präventionsprogrammen und Therapien wahrzunehmen. Diese können dabei helfen, schwere psychische oder körperliche Erkrankungen zu vermeiden oder den Krankheitsverlauf zumindest abzuschwächen.

2017-05-19T16:09:38+00:00 22. Februar 2017|Allgemein|