Immer häufiger werden bei Schulkindern psychische Erkrankungen diagnostiziert. Gemäß einer Studie der DAK, durchgeführt in Baden-Württemberg, werden Jugend­liche und Kinder oft von Ängsten geplagt. Damit ist mehr als jeder fünfte Schüler in der untersuchten Region psychisch auffällig. Die Krankenkasse gab auch neue Zahlen zu Krankschreibungen ihrer erwachsenen Mitglieder bekannt: Bei den Fehlzeiten stehen psychische Krankheiten bei den Erwachsenen an zweiter Stelle. Das Ergebnis zeigt einen proble­ma­tischen Trend, der vielerorts immer noch tabuisiert wird.

Schon jüngere Schulkinder auffällig

Bei jüngeren Kindern sind vor allem Entwicklungs- und Sprachstörungen zu beo­bach­ten. Des Weiteren ist die Erkrankung ADHS bei Schulkindern verbreitet. Der Anteil an depressiven Kindern und Jugendlichen scheint mit 1,9 Prozent zwar vergleichs­weise gering. Jedoch stieg die Häufigkeit der Diagnose 2017 im Vergleich zum Jahr 2016 um fünf Prozent an. Der Trend zeigt, dass Mädchen häufiger von Depressionen betroffen sind als Jungen.

Mit einer diagnostizierten Angststörung haben 2,2 Prozent aller schul­pflich­tigen Kinder in Baden-Württemberg zu kämpfen. Außerdem kommt es oft vor, dass Jungen und Mädchen wegen einer Depression mit begleitender Angststörung in Behandlung müssen: So leide etwa jeder sechste depressive Junge im Südwesten der Republik zugleich an Angst- und Panikattacken. Bei den Mädchen sind es sogar 25 Prozent. Gemäß der Hochrechnung der DAK sind damit etwa 32.000 Schulkinder in Südwest­deutschland von einer Angststörung betroffen oder gar depressiv.

Depression bei Kindern vielfach unerkannt

Kinder können, genauso wie Erwachsene, Phasen haben, in denen sie sich müde und schlapp fühlen, scheinbar keinerlei Freude mehr empfinden, traurig und lustlos sind. Aber auch negative Gefühle gehören wie Freude oder Fröhlichkeit zum menschlichen Repertoire der Emotionen. Als krankhaft sind sie dann einzustufen, wenn sie längere Zeit anhalten und deren Intensität zunimmt.

Diplom-Psychologe Gerd Höhner, Präsident der Psychotherapeutenkammer NRW, weist darauf hin, dass bei Kindern Depressionen häufig unerkannt bleiben und damit möglicherweise etwa die Hälfte aller betroffenen Kinder und Jugendlichen nicht behandelt wird. Die Diagnose zu stellen sei bei Kindern schwieriger, da sie eher körperliche Symptome, wie Bauchweh, zeigen, besonders anhänglich sind oder ältere Kinder gereizt oder aggressiv auftreten. Auch wenn aufgrund des zuneh­menden Stresses bereits in der Grundschule depressive Erkrankungen und Angststörungen tatsächlich zugenommen haben, sieht Diplom-Psychologe Gerd Höhner weitere Gründe für die Zunahme der Diagnose: Sowohl Kinder- und Jugendärzte, als auch die Allgemeinheit schauen genauer hin und sind, dank einer intensiveren Aufklärung in den vergan­ge­nen Jahren, wesentlich informierter.

Zunahme der Fehltage wegen psychischer Belastung

Der Trend, der in der Schule seinen Anfang nimmt, setzt sich in der Ausbildung und im Berufsleben fort, denn auch dort steigt die mentale Belastung an. Psychische Erkrankungen sind mittlerweile der zweithäufigste Grund für Fehltage im Job, nach Muskel-Skelett-Erkrankungen mit 21,2 Prozent und vor Erkrankungen der Atemwege auf Platz 3 mit 14,5 Prozent. Im Jahr 2019 erreichten die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen einen neuen Höchststand – sie machten einen Anteil von 17 Prozent aller Fehltage aus. Die DAK-Gesundheit rechnet mit einer weiteren Zunahme. Ähnliche Zahlen veröffentlichte auch die TK: Auch wenn 2019 gegenüber dem Jahr 2018 ein leichter Rückgang an Krankheitstagen festgestellt werden konnte, nahmen die Krankschreibungen wegen psychischer Leiden weiter zu.

Mentale Gesundheit in Gesundheitsberufen stärken

Die Gefahr einer Erkrankung ist in Berufen mit hohem Stresspotential und viel Verantwortung besonders gegeben. Dazu gehören beispielsweise Lehrer, bei denen häufig Berufsunfähigkeit durch Burn-Out festgestellt wird. Aber selbst medizinisches und Pflegepersonal ist davon nicht ausgenommen. Obwohl sie gut geschult sind, fällt es erkrankten Pflegern, Medizinern, Psychologen oder Psychiatern laut Blaupause – Initiative für mentale Gesundheit im Gesundheitswesen e.V. selbst sehr schwer, die Warnsignale einer beginnenden Erkrankung bei sich zu erkennen, sich Hilfe zu holen und sie anzunehmen. Betroffene fürchten, gesellschaftlich abgestempelt zu werden.

Der Verein sieht seine Aufgabe darin, speziell Menschen in Gesundheitsberufen anzusprechen und die Themen psychische Hygiene, Selbstfürsorge und Achtsamkeit stärker in den Fokus zu rücken. Wer eine hohe Arbeitsbelastung hat, tut gut daran, darüber zu reden sowie täglich für einen Ausgleich zu sorgen. Ob es Yoga ist oder andere Maßnahmen zur Prävention getroffen werden, wichtig ist, dass Vorurteile ausgeräumt werden und ein Bewusstsein dafür geschaffen wird, dass wirklich Jeder erkranken kann.