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Falsch dosiertes Medikament: Apotheker haftet wie Arzt

Das Oberlandesgericht (OLG) Köln hat erstmals in einem derartigen Fall die gültigen Haftungsregeln bei ärztlichen Fehlern auch auf einen Apotheker übertragen. In dem verhandelten Streitfall war der Kläger ein 2006 geborenes Kind, das von seinen Eltern vor Gericht vertreten wurde. Er kam mit dem Down-Syndrom und einem Herzfehler zur Welt. Im September 2006 sollte das Kind operiert werden. Für die Behandlung bis zu diesem Zeitpunkt sollte der Kläger ein Medikament mit Digitalis zur Stärkung des Herzens einnehmen. Aus Versehen stellte der Arzt ein falsches Rezept aus, mit dem das Medikament in einer 8-fach zu hohen Dosis verschrieben wurde. Der Apotheker verkaufte das Medikament ebenfalls nach der Dosierung des Arztes. Nachdem das Kind das Medikament einige Tage eingenommen hatte, versagte das Herz des Kindes. Es musste 50 Minuten lang reanimiert werden.

Gravierende Schäden durch Wiederbelebung

Das Kind wurde intubiert, ein Defibrillator musste eingesetzt werden. Die Folge waren gravierende Hirnstörungen, außerdem wurde der Darm des Kindes geschädigt. Die Eltern machten den Arzt und den Apotheker für die Schäden verantwortlich, die ihrem Kind zugefügt wurden. Sie zogen vor Gericht und beanspruchten mindestens 200.000 Euro Schmerzensgeld. Das Landgericht in Bonn hatte der Klage in weiten Teilen stattgegeben. (Aktenzeichen 9 O 48/11) In der Berufung vor dem Oberlandesgericht in Köln wurde das Urteil nun bestätigt. Lediglich die Höhe des Schmerzensgeldes setzte das Gericht nicht fest. Dazu soll ein Gutachten eingeholt werden.

Beweislast liegt bei Arzt und Apotheker

Das OLG stellte fest, dass dem Arzt definitiv ein grober Behandlungsfehler unterlaufen war. Das Handeln des Arztes sei unverständlich. Ein solcher Fehler dürfe einfach nicht passieren. Fünf Jahre nach der falschen Behandlung sei bei dem Kläger eine Hirnschädigung festzustellen. Er kann nicht laufen, sprechen oder alleine essen. Es könne nicht eindeutig geklärt werden, ob diese Schädigungen durch die Reanimation und Sauerstoffmangel oder aber durch die angeborenen Gendefekte verursacht wurden. Doch das sei für die Situation des Klägers unerheblich. Arzt und Apotheker müssen den Beweis führen, dass der gesundheitliche Schaden des Klägers nicht durch die falsche Medikation und die Folgen der Überdosierung entstanden sei. Das aber konnten die Beklagten nicht nachweisen.

Apotheker hätte falsche Dosierung erkennen müssen

Im neuen Patientengesetz vom Februar 2013 ist die ärztliche Haftung geregelt. Wenn ein einfacher Behandlungsfehler vorliegt, so muss der Patient den Beweis antreten, dass dieser Fehler die Ursache für eine Schädigung ist. Liegt aber ein grober Behandlungsfehler vor, muss davon ausgegangen werden, dass eine Schädigung auf diesem Fehler beruht. Das OLG Köln hat diese Regeln auch auf die Haftung von Apothekern ausgeweitet. Bisher waren solche Fragen noch nicht geklärt. In diesem Fall liege ein Fehler vor, der einem Apotheker nicht passieren dürfe, so das Gericht. Er habe den Fehler im Rezept erkennen müssen. Das Alter des Patienten im Zusammenhang mit dem sehr gefährlichen Medikament hätten ihm auffallen müssen.

Regeln für Ärzte gelten auch für Apotheker

Hier liegt nach Ansicht der Richter ein grober Fehler vor. Man müsse die Regelungen bei groben ärztlichen Behandlungsfehlern auch auf Apotheker anwenden, wenn ein vergleichbar schwerer Fehler vorliegt. Sachverhalte und die Interessen des Arztes und des Apothekers liegen durchaus auf einer Linie. Es ist daher nicht möglich, das Zusammenspiel von Arzt, Apotheker und Medikament getrennt zu betrachten. Das OLG ließ die Revision zu, denn das Urteil hat durch die Übertragung der Grundsätzen bei ärztlichen Behandlungsfehlern auf die Apotheker grundsätzliche Bedeutung. (Aktenzeichen 5 U 92/12)

2017-10-07T17:32:15+00:00 29. August 2013|Recht, Versicherung|