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Erwerbsunfähigkeitsversicherungen erzielen hohes Wachstum – und rufen Kritik hervor

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) freut sich über hohe Wachstumsraten beim Neugeschäft mit Erwerbsunfähigkeits- und Grundfähigkeitsversicherungen. Kritiker weisen auf die Nachteile hin, die diese im Vergleich zu einer regulären Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) haben.

Zweistellige Steigerungsraten

Im Geschäftsjahr 2015 gab es bei den privaten Erwerbsunfähigkeitsversicherungen (EU) ein Plus von 18 Prozent. Zum Jahresende betrug der Bestand hier 81.415 Hauptversicherungen. Noch mehr legten die Grundfähigkeitsversicherungen zu: Sie stiegen 2015 um 28 Prozent auf insgesamt 52.479 Policen. Die GDV, der Lobbyverband der Branche, bezeichnet beide Formen als gute Alternative zur BU. Genau an dieser Interpretation üben einige Versicherungsmakler Kritik. Diese Absicherung gegen Erwerbsunfähigkeit berücksichtige nicht die bisherige Berufstätigkeit. Die nämlich ist nur mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung vollständig abgesichert. Bei der EU hingegen kann der Betroffene auf jede andere Tätigkeit verwiesen werde, so die Kritiker. Das gilt auch für den Fall von Status- und Einkommensverlusten. Im Extremfall bedeutet das: Ein Arzt, der in Folge einer psychischen Erkrankung nicht mehr medizinisch arbeiten kann, kommt als Pförtner zum Einsatz.

Lücken im Versicherungsschutz

Die Kritiker verweisen auf weitere Nachteile. Eine EU zahlt in der Regel erst dann, wenn der Versicherte überhaupt keiner Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt mehr nachgehen kann – und das täglich drei Stunden. Die Absicherung gegen Erwerbsunfähigkeit berücksichtigt nach Aussagen der Fachleute auch nicht, dass Krankheiten häufig langsam und in Schüben verlaufen. Wer berufsunfähig wird, muss zunächst trotz der EU weiterhin den vollen Beitrag zahlen. Wie soll er diese häufig dreistelligen Euro-Beträge im Monat aufbringen ohne Arbeitseinkommen?

Kritik an der Grundfähigkeitsversicherung

Ähnlich fällt die Kritik an der Grundfähigkeitsversicherung aus: Hier fehle noch deutlicher als bei der EU der Bezug zur Arbeitskraft. Die Grundfähigkeitsversicherung greift in Form von Einmalzahlung oder Rente dann, wenn Basiskompetenzen der Alltagsbewältigung verlorengehen: Hören, Sehen oder Treppensteigen. Bei vielen Policen müssen allerdings mehrere Kompetenzen eingeschränkt sein, bevor die Grundfähigkeitsversicherung zahlt. Immerhin aber haben nach Ansicht der Kritiker einige Gesellschaften Ihren Schutz erweitert: Sie zahlen auch dann, wenn der Versicherte pflegebedürftig ist und einen hohen Pflegegrad erreicht hat.

Klares Plädoyer für die BU

Die Fachleute empfehlen vor dem Hintergrund dieser Fakten eindeutig den Abschluss einer BU, aber nicht ohne einen vorherigen Vergleich von Berufsunfähigkeitsversicherungen am Markt duchzuführen. Diese Form verzeichnete 2015 nur einen Zuwachs von 25 Prozent. Die Fachleute räumen ein, dass der eingeschränkte Schutz gegen Berufsunfähigkeit immer noch besser ist als gar keiner. Die Kritiker verweisen darauf, dass bei manchen Vermittlungsangeboten auf diese Nachteile der EU- und der Grundfähigkeitsversicherungen im Vergleich zur BU nicht hingewiesen wird. Im Zweifelsfall, so vermuten sie, entsteht so möglicherweise ein Haftungsrisiko des Maklers.

BGH-Urteil: BU-Versicherer muss Hinweispflicht deutlich nachkommen

Immer wieder steht die Berufsunfähigkeitsversicherung in der Kritik. Den Versicherern wird häufig nachgesagt, dass sie nicht zahlen wollen. Daher kommt es zu Rechtsstreits, um die Auszahlung der BU-Rente gerichtlich zu erzwingen. Damit kennen sich Fachanwälte aus. Eine Kanzlei, die seit vielen Jahren ausschließlich für die Verbraucherseite tätig wird, ist die Kanzlei Hahn-Rechtsanwälte. Spezialisiert auf die BU und die Lebensversicherung innerhalb des Versicherungsrechts, wird eine kostenlose Erstberatung angeboten. Auf der Internetseite der Kanzlei, die in Hamburg, Bremen und Stuttgart vertreten ist, wird auf ein aktuelles Urteil (IV ZR 16/17) des Bundesgerichtshofes (BGH) vom 6. Dezember 2017 hingewiesen: Demnach können Versicherer sich zwar auf den Rücktritt vom Vertrag, eine Anpassung oder die Kündigung dessen berufen. Aber nur dann, wenn der Versicherer nachweislich auf die „…Folgen einer Pflichtverletzung so drucktechnisch hervorgehoben hinweist, dass sich die Belehrung vom übrigen Text deutlich abhebt und so vom Versicherungsnehmer nicht übersehen werden kann.“ Laut den Erfahrungen der Kanzlei Hahn auf diesem Gebiet, entsprechen die Unterlagen und Belehrungen vieler Versicherungsgesellschaften nicht der aktuellen Rechtssprechung, sodass Verbraucher unter Umständen mit anwaltlicher Hilfe gute Chancen haben, dennoch zu ihrem Recht zu kommen.

Verbraucherrechte bei Online-Verträgen schützen

Auf Verbraucherseite steht auch der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen. Bereits 2014 eingerichtet, unterstützt er als beratendes Gremium das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) in Belangen und Fragen der Verbraucherrechte. In unser immer stärker digitalisierten Welt sieht der Sachverständigenrat hier neben den Chancen auch besonderen Handlungsbedarf für leicht verständliche und vergleichbare oder sogar einheitliche Regelungen. Helfen könnte nach Ansicht der Experten beispielsweise eine standardisierte Produktinformation zu allen Angeboten, die in Deutschland vertrieben werden, unabhängig vom Sitz der Versicherung oder des Finanzunternehmens. Da mittlerweile auch zahlreiche Versicherungen online abgeschlossen werden können, muss unter anderem im Sinne des Verbraucherschutzes auch geklärt sein, was z.B. mit den Daten und Angaben der Verbraucher als Versicherungsnehmer geschieht. Unklar ist bislang auch die Haftungsfrage, wenn es beim Vertrag mit digitalen Anbietern, wie z.B. Internet-Plattformen, FinTechs oder InsurTechs zu Problemen kommt. Das Gutachten zu der Thematik – „Digitale Welt und Finanzen. Zahlungsdienste und Finanzberatung unter einer Digitalen Agenda“ – wurde bereits Anfang 2016 veröffentlicht.

2018-05-14T16:07:11+00:00 14. Mai 2018|Gesetzlich, Politik, Recht, Versicherung|