Bertelsmann-Studie: Zu viele Röntgenuntersuchungen bei Rückenschmerzen

Patienten mit Rückenschmerzen erhalten zu oft und zu schnell eine Untersuchung mit bildgebenden Systemen. Zu diesem Ergebnis kommt die jetzt veröffentlichte Studie (siehe PDF) „Faktencheck Rücken: Ausmaß und regionale Variationen von Behandlungsfällen und bildgebender Diagnostik“ der Bertelsmann-Stiftung. Ergänzt wurde die anonymisierte Auswertung der Daten von mehr als sieben Millionen Versicherten in rund 70 gesetzlichen Krankenkassen durch eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts TNS EMNID.

Zu viele und unnötige bildgebende Untersuchungen

Jedes Jahr verzeichnen Haus- und Fachärzte rund 38 Millionen Behandlungstermine aufgrund von Rückenschmerzen. Der Bertelsmann-Studie zufolge sucht etwa jedes fünfte GKV-Mitglied mindestens einmal pro Jahr einen Arzt wegen Rückenschmerzen auf. Gut ein Viertel der Versicherten sitzt deshalb sogar vier Mal oder öfter im Wartezimmer des Haus- oder Facharztes. Die behandelnden Ärzte, in den meisten Fällen Orthopäden, veranlassen in rund 6 Millionen Fällen eine Untersuchung mit bildgebenden Verfahren. Das ist allerdings in den meisten Fällen gar nicht nötig: Wie die Bertelsmann-Studie feststellt, können Ärzte lediglich in etwa 15 Prozent der Fälle eine spezifische Ursache für die Rückenleiden feststellen – trotz Einsatz von Röntgen, MRT und CT.

Tatsächlich kommen die bildgebenden Verfahren heute relativ schnell zum Einsatz, obwohl sie in den meisten Fällen weder die Diagnose noch die Behandlung verbessern. So wird beispielsweise jeder Fünfte mit neu auftretenden Rückenbeschwerden schon im ersten Quartal nach der Erstdiagnose mit bildgebenden Verfahren untersucht, besonders bei unspezifischen Schmerzen. Bei weniger als der Hälfte der Betroffenen erfolgte zuvor ein konservativer Behandlungsversuch. Ursache dafür könnte neben dem Vergütungssystem für Ärzte auch die Erwartung der Patienten sein. Der EMNID-Umfrage zufolge erwarten 60 Prozent der Deutschen schnellstmöglich eine Untersuchung mit Röntgen, MRT oder CT. Ganze 69 Prozent der Bundesbürger sind sich sicher, die bildgebende Diagnostik helfe dem Arzt dabei, die genaue Schmerzursache zu lokalisieren.

Große regionale Unterschiede

Auffallend sind die großen regionalen Unterschiede im Hinblick auf den Einsatz bildgebender Diagnostik bei Rückenschmerzen. So verzeichneten die Krankenkassen in Hamburg lediglich 370 Behandlungsfälle pro 1000 Versicherten, in Berlin dagegen 509 Fälle pro 1000 Versicherte. Die wenigsten Behandlungsfälle gab es in den Kreisen Ostprignitz-Ruppin und Rotenburg/Wümme (jeweils 306/1000), die meisten Behandlungsfälle im Werra-Meißner-Kreis (711/1000) und im Kreis Dingolfing-Landau (730/1000). Die ärztliche Verordnung von bildgebenden Verfahren zur Abklärung der Ursache von Rückenschmerzen variiert der Bertelsmann-Studie zufolge je nach Bundesland um bis zu 30 Prozent.

Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem gefordert

Als Ursache für die hohe Anzahl unnötiger (aber teurer) Untersuchungen führen die Verfasser der Studie u.a. auf falsche Erwartungen der Patienten zurück. Die behandelnden Ärzte, so die Kritik, entsprechen lieber und schneller den Erwartungen ihrer Patienten, statt sie umfassend aufzuklären. Kein Wunder also, dass Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem, ein höheres Problembewusstsein bei Ärzten und eine bessere Aufklärung der Patienten fordert. Insbesondere Aufklärungsgespräche und gründliche Erstuntersuchungen (siehe PDF) müssten im Vergleich zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden, so Mohn.

Der Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), Dr. Johannes Flechtenmacher, verweist dem Deutschen Ärzteblatt gegenüber in diesem Zusammenhang auf ein richtungsweisendes Modell der AOK Baden-Württemberg. Deren Facharztvertrag Orthopädie lege erfolgreich besonderes Gewicht auf eine ausführliche Patientenberatung und die körperliche Untersuchung.

2017-05-19T16:09:44+00:00 2. Dezember 2016|Allgemein|