Behandlung im Ausland als Einsparpotential für gesetzliche Krankenkassen

In der aktuellen Medienberichterstattung zum Thema Gesundheitskosten findet sich eine Idee, wie die Vorteile des europäischen Binnenmarktes auch auf Klinikaufenthalte übertragen werden könnten. Dr. Sophie Chung, tätig in der Medizintourismus-Branche, hat die Kosten mit denen in anderen Ländern mit einem hohen Standard der Gesundheitsversorgung verglichen. Die Patienten könnten laut Dr. Chung viele Kosten einsparen und die Kassen entlasten.

Es wurden die Preise in knapp über 1.000 europäischen Kliniken verglichen. Als Ergebnis präsentiert Dr. Chung ein mögliches Kostensenkungspotential von beinahe jedem vierten Euro. Bei konsequenter Umsetzung könnten die Kassen bis zu 18 Milliarden Euro sparen, das entspricht etwa 5 Prozent der Gesundheitsausgaben.

Umsetzbarkeit nicht in allen Bereichen realistisch

Eine 100%-ige Umsetzung ist eher unwahrscheinlich: Nicht alle medizinischen Eingriffe können in der Klinik erfolgen,  manche bedürfen einer Nachsorge. Wo aber beispielsweise nach einer Operation eine Nachsorge des Heilungsverlaufes notwendig ist, müsste sich die inländische Klinik in die OP-Berichte der ausländischen Klinik erst einlesen. Oder der Patient müsste zwischen Wohnort und Klinik oftmals mehrere Hundert oder gar Tausend Kilometer „pendeln“. Damit stellt sich die Frage, ob die Fahrt- und Reisezeitkosten die Ersparnisse nicht übersteigen würden. Zudem ist der Zeitaufwand für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter den Versicherten als zu wertvoll einzuschätzen.

Vorstellbar wäre, insbesondere bei zahnmedizinischen Eingriffen, dass Versicherte sich für Alternativen aus dem Ausland entscheiden könnten: eine in Deutschland hergestellte Frontzahn-Krone kann schnell einen Betrag von mehreren hundert Euro ergeben. Im osteuropäischen Ausland hingegen resultieren günstigere Kosten beispielsweise aus den wesentlich geringeren Ausgaben für Lohn und Material.

Aktuelle gesetzliche Regelungen behindern Idee

Grundsätzlich gilt in Deutschland bei der Krankenversicherung die freie Arztwahl. Allerdings nur für Ärzte und Zahnärzte, die für die vertragsärztliche Versorgung zugelassen sind. Daher ist eine Pflicht unwahrscheinlich, zur Kostenreduktion ein ausländisches Krankenhaus zu konsultieren. Hinzu kommen in vielen Fällen die Sprachbarrieren, die erst mit Hilfe von Dolmetschern und Übersetzern übersprungen werden könnten. Bedenklich wäre auch eine sinkende Nutzung der inländischen Klinik-Kapazitäten, die bei massenhafter Beauftragung ausländischer Kliniken einen weiteren Schrumpfungsprozess hinnehmen müssten.

Außerdem würde sich die Frage stellen, wie sich die Kosten verändern: Wenn Kapazitäten nicht genutzt werden oder Operationen im Inland nur noch weniger häufig durchgeführt werden, würde ein Teil der voraussichtlichen Einsparung von 18 Milliarden Euro wieder ausgeglichen werden. Die Ersparnis würde also nicht den vollen Wert erreichen können.

Ein weiteres Hindernis sind die Festbudgetvereinbarungen mit den Haus- und Fachärzten: Gingen plötzlich etliche Patienten weniger zum deutschen Arzt, so sänken die Vergütungen nicht – lediglich der Euro-Gegenwert pro Leistungs-Punkt stiege. Damit wären Umwälzungen im Gesundheitssystem erforderlich, die derzeit nicht auf der Agenda stehen.

Im Endeffekt könnten die Resultate der Untersuchung als ein Appell für mehr Kostendisziplin im Inland gewertet werden. Und als Hinweis darauf, dass der Gesundheitsmarkt der inländisch Versicherten im Zeitalter der europäischen Integration nicht mehr abgeschottet betrachtet werden kann.

2017-05-19T16:09:49+00:00 8. November 2016|Allgemein|