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Ärztliche Behandlungsfehler in allen Fachrichtungen – Krankenkassen fordern Meldepflicht

Nach einer Hochrechnung vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) gibt es jährlich etwa 100.000 ärztliche Behandlungsfehler. Der MDK geht davon aus, dass auf einen angezeigten Fall 30 nicht angezeigte kommen. Gemeldet wurden 2017 über 13.000 Fälle deutschlandweit, bei jedem vierten davon bestätigten die Gutachter einen Behandlungsfehler.

Beschwerden erfolgen über die Krankenkasse

Wer einen Behandlungsfehler vermutet, kann sich an seine gesetzliche Krankenversicherung (GKV) wenden und ein Gutachten durch den MDK erwirken. 2017 kam das 13.519 Mal vor: Davon erwies sich in 75,3 Prozent der Fälle der Vorwurf als unberechtigt, in 24,7 Prozent bestätigte sich der Verdacht. Die MDK-Gutachter wiesen also in knapp jedem vierten Fall einen Behandlungsfehler des Arztes nach. Das sind 3337 Fälle, in denen die Patienten zu Schaden kamen. Die Experten belegen aber nur in 2690 Fällen davon, dass der ärztliche Fehler den Schaden verursachte. Das ist juristisch wichtig, denn nur dann kann der Patient vor Gericht Schadensersatz erstreiten. Aufgeteilt nach medizinischen Fachbereichen führen Orthopädie und Unfallchirurgie die Liste der nachgewiesenen Behand­lungsfehler mit 31 Prozent an. Es folgt die innere Medizin mit 13 Prozent, Allgemein- und Viszeralchirurgie mit neun Prozent. Zahnmedizin sowie Frauenheilkunde und Geburtshilfe nehmen je acht Prozent der Fälle ein, die Pflege fünf Prozent. Die übrigen 26 Prozent verteilen sich auf 27 weitere Fachbereiche.

Auch privat Versicherte können von Behandlungsfehlern betroffen sein. Für diese Versichertengruppe ist die MEDICPROOF GmbH, ein Tochterunternehmen des PKV-Verbandes, zuständig. Der Medizinische Dienst der Privaten ist das Pendant zum MDK und Gutachter für alle PKV-Versicherten. Wie auch in der GKV, können sich die Versicherten an ihre private Krankenversicherung (PKV) wenden und demzufolge die MEDICPROOF GmbH um ein Gutachten bitten. Bundesweit sind ca. 1.100 frei­berufliche approbierte Ärzte und examinierte Pflegefachkräfte als Gutachter für dieses Unternehmen im Einsatz. Im vergangenen Jahr hat die MEDICPROOF GmbH insgesamt 189.093 Aufträge bearbeitet. So hat das Kölner Unternehmen 5,1 Prozent mehr Aufträge bearbeitet als im Jahr zuvor.

Wirtschaftliche Schäden und menschliches Leid

Die absoluten Zahlen erscheinen angesichts von 20 Millionen Kranken­haus­behandlungen und eine Milliarde Arztbesuche (2017) in Deutschland klein. Doch jeder Fall ist einer zu viel: Er richtet menschliches Leid und volks­wirt­schaftlichen Schaden an. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schätzt zum Beispiel die Kosten für Fehlbehandlungen in den USA auf jährlich 50 Milliarden Dollar. Besonders schwer wirken nach Ansicht des MDK ärztliche Fehler, die zu lebenslangen Folgen für den Patienten führen. So wurde einem nierenkranken Patienten für Röntgenaufnahmen ein falsches Kontrastmittel gegeben: Nun muss er wahrscheinlich lebenslang zur Dialyse. Gesundheitsexperten sprechen in diesem Fall von „Never Events“, von Fehlern, die nicht passieren dürfen.

Melderegister schafft vielleicht Abhilfe

Patienten wenden sich im Falle eines Behandlungsfehlers häufig nicht an die Krankenkasse, sondern an Gerichte, Anwälte oder anderweitige Versicherungen. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, setzt sich für die Erfassung von Behandlungsfehler in einem zentralen Melderegister ein und erhofft sich so mehr Transparenz. „Es muss Schluss damit sein, dass Krankenkassen, Ärztekammern und Gerichte Fehler nebeneinander her sammeln“, so Brysch. Auch eine Beweislastumkehr erachtet Brysch als zwingend erforderlich, somit müssten künftig die Ärzte beweisen, dass keine Fehler gemacht wurden. Bundes­gesund­heits­minister Jens Spahn hat eine nationale Liste für „Never Events“ angeregt, die Kliniken und Ärzte melden müssten. In Großbritannien funktioniert das bereits und die Meldepflicht für Arbeitsunfälle in Deutschland zeigt: Die gute Statistik trägt zur Prävention bei und reduziert die tödlichen Unfälle. Gab es in Deutschland 1997 noch 1.403 tödliche Arbeitsunfälle, waren es 2016 nur noch 557. Das halten Experten auch bei einer anonymen Meldepflicht zu ärztlichen Behandlungsfehlern für möglich. (jw)

2018-07-24T10:45:59+00:0022. Juni 2018|Gesundheit, Recht, Versicherung|