Abrechnungssystem der Krankenkassen in der Kritik

Es ist absurd, doch je kränker Patienten sind, umso mehr können Ärzte und Krankenkassen an ihnen verdienen. Man kann vermuten, das könne die Verantwortlichen in ihrem Handeln beeinflussen. Doch soll es hier nicht um die Frage gehen, ob Patienten langsamer gesund werden, als es möglich wäre, oder Befindlichkeiten als Krankheiten eingestuft werden, bei denen das nicht sein müsste. Vielmehr wird ein Blick auf ein Abrechnungssystem geworfen, das einen – nicht selten als skandalös beschriebenen – Wettbewerb um Ausgleichszahlungen aus dem Gesundheitsfonds hervorruft.

Warum Krankenkassen mit mehr Kranken auch mehr Geld verdienen können

Natürlich ist die Lage unter den Krankenkassen nicht „gerecht“. Es gibt einerseits Betriebskrankenkassen wie von VW oder BMW, die junge und gut verdienende Mitglieder haben, die dementsprechend hohe Beiträge einzahlen und noch nicht von den typischen, kostenintensiven „Zipperlein“ des Alters geplagt werden. Andererseits gibt es die AOK, die ein Drittel der Bevölkerung versichert und in deren historisch gewachsenem Mitgliederpool sich viele alte, chronisch kranke und bedürftige Mitglieder tummeln.

Um dieses Ungleichgewicht ein Stück weit auszugleichen, leiten alle Krankenkassen ihre Mitgliedsbeiträge direkt an den sogenannten Gesundheitsfonds weiter. Von dort aus werden die Gelder verteilt, damit die Kassen ihre Kosten decken können. Verteilt werden die Beträge je nachdem, wie viele kranke Mitglieder die Kassen zu betreuen haben, und wie schwer die Krankheiten sind. Das ist der sogenannte morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich (kurz: Morbi-RSA), der für Gerechtigkeit sorgen soll.

Wie der Morbi-RSA funktioniert

Der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich wurde 1994 von dem damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer eingeführt und berücksichtigte ursprünglich keine einzelnen Krankheiten. Die Zahlungen orientierten sich nur an der Anzahl der Mitglieder und deren Geschlecht. Mittlerweile werden zusätzlich auch detailliertere Fakten in die Berechnung einbezogen, zum Beispiel der Bezug von Erwerbsminderungsrente und die Last durch 80 von 350 ausgewählten Krankheiten. Zu diesen, in die Berechnung einbezogenen, Krankheiten zählen Diabetes, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber unter anderem keine teuren Krebserkrankungen.

Die Auszahlungen an die Kassen richten sich nun nach dem Vorkommen dieser Krankheiten, und ob sie mit Komplikationen behaftet sind. Die Aussagen darüber treffen natürlich die Ärzte, die mit den Patienten in Kontakt sind. Da diese Ärzte jedoch für mehr Diagnosen auch mehr Geld von den Krankenkassen erhalten, ergibt sich hier ein teilweise verzerrtes Bild. Das heißt: Aussagen über den Gesundheitszustand von Patienten werden nicht mehr anhand von realen Umständen getroffen, sondern scheinbar durch eine gewinnorientierte Sicht verzerrt.

Was könnte getan werden?

Der Gesundheitsfonds verteilt jährlich 250 Milliarden Euro an die Krankenkassen. Dadurch haben kleine Veränderungen schon große Auswirkungen. Was fehlt, ist eine detaillierte Gesamtevaluation, welche die derzeitigen Berechnungen auf den Prüfstand stellt. Danach könnte ein neues, flexibles Verteilungssystem installiert werden.

2017-05-19T16:09:52+00:00 20. Oktober 2016|Allgemein|